Tokios wohl coolstes Viertel | Kōenji

In knapp 10 Minuten von Shinjuku aus mit dem Zug erreichbar, pulsierend, alternativ und jung: 高円寺 (Kōenji) hat alles, was ein Trendviertel benötigt. Der Anfang der 1990er einsetzende Hype um Harajuku, der in den frühen 2000ern seinen Zenith erreichte und seitdem stetig abgeflaut ist, weicht langsam der Wertschätzung und Gentrifizierung anderer Stadtteile. Kōenji ist mittlerweile, neben Kichijōji, zu einem der angesagtesten Viertel Tokios geworden. Die Mieten steigen, aber die Massen kommen trotzdem. Fast ausschließlich japanische Massen; Touristen verirren sich nur selten hierher, daher bleibt der Kiez ein Insider Tipp – ich dagegen habe das Glück, in unmittelbarer Umgebung zu wohnen. Gute 10 Minuten mit meinem rostigen Drahtesel und ich stehe inmitten von Bars im Miniformat (maximal acht Sitzplätze…) und Lederjacken aus den frühen 80ern, schwer, steif und muffelig. Unzählige Second-Hand-Shops machen sich gegenseitig mit verrücktem Interieur, vermeintlichen Schätzen aus längst vergangenen Tagen und hübschem, coolem Personal Konkurrenz. Yakitori-Imbisse reihen sich an Burgershops, Craft-Beer-Markets und 300-Yen-Bars, die mit verlockend günstigen Preisen werben und stets dick und fett geschrieben betonen, keine »Seat Charge« zu verlangen – in Tokio geradezu eine Seltenheit und daher gern gesehen.

 

E ssen im Norden, Shoppen im Süden

 

Kōenjikita, der Nordteil des Viertels, unterteilt sich in kulinarische Extravaganzen aus aller Welt, Restaurants mit bezaubernd hübschen Sitzgelegenheiten und zum Verlieben leckeren Menüs und Lebensmittel-Schnäppchenmärktchen. Mit kräftigen Stimmen buhlen die Gemüsehändler in Psalmodien um Aufmerksamkeit. In engen Gassen drücken sich die Menschen zwischen Brokkoli und Renkon zu den unverschämt günstigen Garnelen und schlendern mit Plastiktüten voller bunter Einkäufe zurück nach Hause. Die Straßen sind nicht gerade breit und daher schnell voll, aber genüßlich wie die Japaner sind, lassen sie es sich nicht nehmen, gemächlichen Schrittes von A nach B zu watscheln. Umso mehr Zeit bleibt dem Kiezneuling, die zahlreichen ästhetischen und olfaktorischen Impressionen zu entdecken. Ästhetisch ist hier praktisch alles, vom immergrauen Beton-Chic über die Einzigartigkeit eines jeden Restaurants bis hin zu den oberirdischen Stromleitungen, die Japan so einen gewissen Touch von UdSSR-Moderne geben. Und wie das alles duftet! Schade, dass man nicht einfach alles auf einmal essen kann – ein Muss allerdings für jeden Carni- und Omnivoren sind die wie Pilze aus dem Boden sprießenden 焼き肉 (Yakiniku / gegrilltes Fleisch)-Schnellrestaurants. Unter freiem Himmel wird auf niedrigen Hockern gesessen und von umfunktionalisierten Bierkästchen feinstes frisch gegrilltes Fleisch gespeist – いただきます !

Kōenjiminami dagegen, alles südlich der JR-Station – ist ein Shoppingparadies für alle, die gern viel Geld für getragene Kleidung ausgeben. Second Hand auf japanisch ist ein wenig anders als die deutsche Variante. Hier kommen ausschließlich Markenklamotten in die Läden, alles bestes Vintage, meist »Made in Europe/America« und gerne mal teurer als die zeitgenössischen Neuvarianten. Getragene Chucks, ganz stinknormale Chucks, keine Limited Edition, kein richtiges Vintage, einfach nur 0815 Chucks, für 80 €? Ja, das gibt’s hier! Wulstige, stocksteife Bikerjacken für 200 €? Gibt’s auch. Was Nettes für zwischendurch für 5 €? Fehlanzeige. Second Hand heißt in Kōenji tief ins Portemonnaie greifen und nicht kleckern, sondern klotzen. Wem das allerdings zu teuer ist – und richtig teuer wird es richtig schnell – der genießt einfach nur das Window-Shopping und die atemberaubenden, kreativen und individuellen Shop-Designs.

9 thoughts on “Tokios wohl coolstes Viertel | Kōenji

  1. Danke für diesen interessanten Bericht, ich habe nächstes Jahr vor für einige Wochen nach Japan zu reisen und da sind solche Insider Tipps immer wertvoll 😉

    1. Na dann empfehle ich dir, weiterhin hier vorbei zu schauen! Ich lebe schon ein halbes Jahr in Tokio und werde noch ein weiteres bleiben. ich gebe viele Insider-Tipps und werde jetzt im Sommer auch viel in Japan insgesamt rumreisen! 🙂

  2. Tokio ist definitiv keine Stadt, die man in einem Tag entdecken kann. Besonders nicht wenn jedes Viertel so viel Charm hat wie Kōenji.
    Außerdem wünsche ich dir das dieser Blog nicht einfach wieder verschwindet..

    1. Für Tokio sollte man sich schon ca. 8-10 Tage Zeit nehmen! 😉
      Oh ja, danke, wünsche ich mir auch. Ich könnte immer noch heulen, dass der alte Content weg ist…

  3. Tokio hatte bis jetzt nie einen besonderen Reizfür mich Dorfkind, aber ich muss sagen, dass was du schreibst klingt schon verlockend. Ich werde nächstes oder übernächstes Jahr ein bisschen durch Asien touren, vielleicht ergibt sich ja die Möglichkeit 🙂

    Liebe Grüße
    http://freigeist.pl/

  4. Also ich finde es echt spannend, dass du in so einer fremden Kultur für so lange Zeit lebst- wirklich sehr interessant. Ich werde mich auch mal ein bisschen durch deinen Blog klicken, um mehr zu erfahren.
    Liebste Grüße
    Carmen ♥

  5. Ich finde solche Beiträge immer sehr interessant und wichtig. Zu selten wird von solch niedlichen Ecken gezeigt und meist nur vom Hotel und Strand. Oft weniger von der Kultur selber. Die Läden sehen von außer sehr niedlich aus, Preislich finde ich das schon arg Krass teuer. Unglaublich….

    Alles liebe

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