The real Sushi experience.

13 Jahre war ich alt, das bunte Gemüse in der Mitte und der rosige rohe Fisch à la Bullseye, umhüllt von so superlecker aussehendem Reis, im Kühlregal des amerikanischen Supermarkts publix erlangte sofort meine Aufmerksamkeit. Es war bunt, es sah gesund aus, ich wollte es. Also nötigte ich meine Mutter, mir eine Packung abgepacktes Sushi zu kaufen. Typisch amerikanisch war die Portion groß. Nicht etwa vier kleine Röllchen, nein, ganze 16 mussten es sein. 2003 war der Sushi-Trend in Amerika längst Standard und im subtropischen Klima Miamis macht es ja auch wahnsinnig Sinn, kaltes Essen zu servieren – die warmen Temperaturen und die permanent hohe Luftfeuchtigkeit ähneln der Tokios durchaus und wie ich im Moment feststellen darf, kann es schon im Mai so warm werden, dass am besten nur noch kalt gegessen wird. Und da ich feucht-warmes Klima noch nie leiden konnte, war ich immer auf der Suche nach bestmöglicher Abkühlung. Also zog ich das Sushi den fetten Burgern vor, die meine Eltern des Abends verspeisten. Mit 13 Jahren fing ich also an, Sushi zu hassen. Schon beim Öffnen der Packung strömte mir ein unangenehm fischiger Geruch entgegen, das Nori war zäh und miefte. Die Reisrollen schmeckten wie eingeschlafene Füße mit einem leichten Hauch von getrocknetem Tintenfisch. Ich aß also eine Rolle und warf die restlichen 15 in den Müll. Bis 2015 rührte ich kein Sushi mehr an. Dann allerdings sah das Running Sushi in meinem heimatlichen Shoppingcenter wieder so verführerisch aus und ich drängte meinen Freund, es mit mir zu besuchen. Der Gedanke an rohen Fisch rief in mir trotzdem immer noch einen fortgeschritten schweren Würgereiz hervor, also verblieb ich bei Gurke, Avocado oder 海老天ぷら (Ebi Tempura / frittierte Garnelen). Erst in Tokio wagte ich mich erneut an rohen Fisch heran – man will immerhin kulturell aufgeschlossen sein. Und was soll ich sagen? おいしい !

K aum Maki, keine California Roll, aber dafür haufenweise Nigiri

Das, was in unserer Hemisphäre das wohl am häufigsten anzutreffende Sushi ist – die Maki-Rolle – wird in einem japanischen Sushi-Restaurant meist vergebens gesucht. Die California Roll ist hier sogar völlig unbekannt. Omnipräsent ist dafür Nigiri – die Variante, die ich in Deutschland nicht einmal im Traum angerührt hätte. Hier in Japan ist das allerdings etwas anderes; die Auswahl, die Frische und der Geschmack der dicken Fischscheiben ist einfach unschlagbar. Und genau das wissen und wollen die Japaner. Sie sind auf die Artenvielfalt ihrer Gewässer stolz und wollen von dem köstlich frischen Meeresbewohner auch richtig was schmecken. Ein paar kleine Stückchen Lachs wie in der Maki-Variante nach amerikanischem Vorbild ist hier niemandem genug. Der Fisch muss hier dick auf einem kleinen Reisbällchen liegen. Und das ist in der Tat auch einfach zum Dahinschmelzen lecker.

M eine persönlichen Insider Tipps

Sushi kann in Japan recht schnell eine teure Angelegenheit werden. Wer möchte, kann pro Röllchen 40 € oder mehr hinblättern. Ob das Ganze dann so viel besser schmeckt als in den kleinen Straßen-Imbissen? Ich wage es stark zu bezweifeln, bin aber auch selbst alles andere als ein Gourmand und trinke den 2,29 € Tempranillo aus’m Netto immer noch lieber als ’ne 200-€-Flasche Bordeaux. Deswegen sind meine liebsten Sushi-Restaurants auch keine hochfeinen Angelegenheiten, sondern eher was für den kleinen Studenten-Geldbeutel. Die Qualität ist deswegen allerdings keinesfalls schlechter, die Atmosphäre dafür umso authentischer.

1. 元祖寿司 吉祥寺サンロード店 (Original Sushi Kichijōji Sun Road Store)

 

Von Ausländern fast nie betreten, ist diese Art Running Sushi ein wahres Erlebnis für das Touristenherz. Mittig des Laufbands stehen zwei Sushi-Köche und bereiten eifrig vor den Augen der Hungrigen die frischesten Spezialitäten vor. Rund herum darf Platz genommen werden. Vor jedem Sitzplatz stehen Trinkbecher, Warmwasser-Hähne, Matcha-Pulver, Stäbchen, kleine Saucenteller und Sojasauce bereit. Der Wasabi fehlt doch aber! Ja, keine Sorge, in Japan wird der Wasabi vom Koch direkt in die Sushiröllchen gegeben. Während man gespannt darauf wartet, dass die ersehnte Leckerei vorbei fährt, darf selbstständig Matcha-Tee zubereitet werden. In der kalten Jahreszeit wärmt er Hände, Magen und Seele; zur warmen Jahreszeit wird er meist etwas stehen gelassen, bis er erkaltet ist. Dann kann das Prozedere weiter gehen. Bleibt die ersehnte Füllung aus, wird einfach mitten in die Runde gerufen, was man gerne hätte, beispielsweise »すみません、マグロ おください ! « (Sumimasen, Maguro o kudasai! / Verzeihung, bitte Thunfisch!). Der Koch wiederholt die Bestellung, um sicher zu gehen, sie richtig verstanden zu haben. Ist er mit der Zubereitung fertig, reicht er den Teller direkt zum Kunden. Bezahlt wird am Ende pro gegessenem Teller.

Adresse:
〒180-0004 Tokyo
Musashino
吉祥寺本町1-11-28

Zugang:
JR-Station Kichijōji, 北口 (Kita Guchi / North Exit) nehmen und der großen Shoppingstraße Sun Road folgen.  Hinter der Ampel (es gibt nur eine Kreuzung, bei der an einer Ampel Halt gemacht werden muss), das zweite Gebäude auf der linken Seite betreten (direkt neben Mister Donut), hinsetzen, genießen.

Spezial-Tipp:
Unbedingt カニサラダ (Kani Salada / Krabben Salat) probieren! Einfach unwiderstehlich lecker! Mutige wagen sich auch an なっとう (Nattō / fermentierte Sojabohnen) ran – das hasst oder liebt man.

 

2.  名前のない寿司屋 (Unnamed Sushi Bar Yoyogi)

 

Ob diese 5-Tatami-große Sushi Bar, die eigentlich nur ein Füllelement zwischen zwei richtigen Häusern darstellt, überhaupt einen Namen hat, ist mir unklar. Google findet sie jedenfalls unter dem wahnsinnig schlagfertigen Namen »Unnamed Sushi Bar« und geleitet den Hungrigen zielsicher an die gewünschte Destination. Hinter niedrigen Vorhängen findet sich dann ein kleiner Steh-Imbiss. Wer zeitig da ist, ergattert vielleicht einen Sitzplatz an den zwei Minitischchen, der Rest muss sich mit Essen im Stehen zufrieden geben. Aber auch das lohnt sich mehr als deutlich. In diesem Laden wird das Sushi pro Rolle bezahlt; welche Rolle wie viel kostet, steht auf handgeschriebenen Din-A4-Blättern, die die Wände tapezieren. Die Auswahl an Fisch ist gering, er liegt in einer kleinen Auslage. Wer also nicht weiß, wie er die einzelnen Zutaten ausspricht, kann auch einfach an die Auslage gehen, mit dem Finger auf die gewünschte Füllung zeigen und »これおください ! « (Kore o kudasai! Das hier, bitte!) sagen. Dazu muss eine Zahl genannt werden, damit der Koch weiß, wie viele Röllchen er bereitstellen soll. Hier können auch Finger gezeigt werden; mit Englisch kommt man nämlich nicht weit – und ich kapiere bis heute nicht, wie Japaner gewisse Dinge zählen. Die billigste Variante beginnt mit ぶり (Buri / Gelbschwanzmakrele) und kostet pro Rolle 10 Yen. D.h. also, für 100 Yen gibt es 10 Rollen. Die gibt es aber nur, sofern ihr etwas alkoholisches zu trinken bestellt. Mit 340 Yen für einen Lemon Sour ist das aber auch gut zu verkraften. Lachs fängt bei 160 Yen pro Rolle an und zählt zu den teuersten Varianten. Auch hier steht lediglich Sojasauce zum Würzen auf dem „Tisch“, der Wasabi ist bereits in der Rolle enthalten. Wieder gilt: zeitig da sein, denn wenn die wenigen Fische alle sind, wird geschlossen. Am besten direkt zur Öffnungszeit um 17 Uhr da sein, gegen 18/19 Uhr wird es hier nämlich richtig voll.

Adresse:
〒151-0053 Tokyo
Shibuya
代々木1丁目35−1

Zugang:
JR-Station Yoyogi, 西口 (Nishi Guchi / East Exit) nehmen und gefühlte 10 Schritte nach rechts laufen, schon ist man da und mitten im Geschehen.

Spezial-Tipp:
Ein bisschen »bunt durch die Karte essen«, ist bei diesen Preisen sofort drin. Mit サバ (Saba / Makrele) sollte man allerdings vorsichtig sein; der Geschmack ist stark fischig und der Geruch auch nicht besser.

6 thoughts on “The real Sushi experience.

  1. Ein sehr schöner Beitrag! Ich muss endlich auch mal wieder Sushi Essen gehen, ich habe auch ein paar schlechte Erfahrungen gemacht und trau mich seitdem nicht mehr ganz ran 😀
    Liebe Grüße
    Sophia

  2. Ich liebe Sushi abgöttisch, es war aber auch ein langer weg dorthin. Ich habe viel schlechtes Sushi essen dürfen, bevor ich mal richtig Gutes erwischt habe. Und seitdem habe ich mein Stammrestaurant und bin so froh darum.
    Aber in japan mal richtig Sushi essen gehen, wäre wohl ein richtiger Traum für mich 🙂

    Liebe Grüße Anni von http://hydrogenperoxid.net

  3. coole Tipps! Ich hatte auch immer Vorurteile gegen Sushi bis ich es mal probiert habe, seitdem mag ich es sehr gerne, esse es aber eher selten..
    lg!

  4. Ich liebe Sushi sehr. Und bei deinem Beitrag möchte ich am liebsten sofort in den Flieger Richtung Tokio steigen. Vielleicht schaffe ich das in diesem Leben noch. Dann werde ich alle Sushibars ausprobieren, von denen du berichtet hast 🙂

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