Protokoll einer Hilflosigkeit

 

Deutschland, 02. Dezember, 2.42 Uhr. Es ist finster. Ich liege in meinem Bett, starre an die nächtlich anthrazitgraue Decke und spüre nichts außer dem wilden Rasen in meiner Brust. Ich hyperventiliere, versuche verzweifelt und erfolglos meine Atmung zu verlangsamen und so meinen Herzschlag zu beruhigen. Mein Puls springt Trampolin, ich gerate in Panik. Da ist diese unheimliche Angst in mir, vage, unscharf, nicht definierbar. Es kommt mir vor wie ein Albtraum. Meine Augen tasten die Decke nach Lichtpunkten ab, nach Schattenfiguren, die mir signalisieren, dass ich noch in der realen Welt bin. Alles ist verschwommen, nur eines ist mir klar: ich habe Angst zu sterben. Ich befinde mich in keiner Gefahrensituation, meine Sorge ist vollkommen unbegründet, absurd, schwachsinnig, ein Trugbild meiner Psyche. Und dennoch kenne ich diese Gefühle seit Kurzem nur zu gut. Das Bett wird zu meinem Sarg, der Schlaf mein mentaler Feind. Ich habe Panikattacken.

Tokio, 13. Mai, 24.06 Uhr. Eigentlich hatte ich es geliebt. Schlafen in meinem Bett. Ich zog es vielen anderen Aktivitäten vor, verbrachte ganze Sonntage an meinem Schlafplatz und verließ ihn jeden Morgen nur widerwillig. Aber dann kam Japan. Und mit ihm harte dünne Futons, die einem Seitenschläfer wie mir gar nichts anderes außer Schmerzen bereiten können. Noch nie zuvor hatte ich Schmerzen verspürt, zumindest keine permanenten in meiner Muskulatur. Ich bin wohl hypersensibel, hatte Qualen nie gekannt, wusste nicht, wie sie sich anfühlen und was zu tun ist, wenn sie nicht mehr aufhören. Ich war emotional für die Erfahrung jener verhängnisvollen, lauen Frühsommernacht nicht gewappnet. Da waren keine Schutzmechanismen in mir, meine Ratio rannte weinend davon, übrig blieben nur ich und meine überquellenden Gefühle voller Panik, Hoffnungslosigkeit und Ratlosigkeit. Und in genau jener Situation der absoluten Hilfsbedürftigkeit ließen mich alle im Stich. Krankenhäuser wiesen mich ab, Ärzte schickten mich tatenlos nach Hause, gaben mir keine Medikamente und keine Spritzen. Fünfzehn Stunden harrte ich mit einer verkrampften, steinharten Rückenmuskulatur aus, weinte vor Schmerz, hatte Angst, war allein, bereits 30 Stunden schlaflos und am Ende. Mein Nervenkostüm, so dünn wie nie. In jener Nacht zerstörte Tokio etwas in mir. Mein Vertrauen in Ärzte, mein Vertrauen in die Medizin, mein Vertrauen in Menschen.

 

Deutschland, 02. Dezember, 4.39 Uhr. Ich werde der Panik nicht Herr. Allein schaffe ich das einfach nicht, ich gerate nur tiefer in den Sog aus Furcht und Verzweiflung. Erst als ich das Schloss der Wohnungstür aufgehen höre, kann ich aus ihm ausbrechen. Mein Freund torkelt sturzbetrunken herein, er ist keine Hilfe, ich kann nicht auf ihn zählen. Aber ich kann mich auf ihn konzentrieren. Nun muss ich mich um ihn kümmern, ihn ins Bett schleifen, ihn entkleiden und ihm etwas Wasser geben. Er umarmt mich fest – und sofort sinkt meine Herzfrequenz in reguläre Sphären. Ich kann wohl einfach nicht mehr allein sein. Denn als ich in jener Nacht in Tokio allein war, bedeutete das Alleinsein Einsamkeit, war gleichzusetzen mit Elend und Not. Ich glaube, ich habe ein Trauma. Ich glaube, ich kann das nicht selbst therapieren, ich muss mir helfen lassen. Und ich glaube, dass über diese Themen zu selten gesprochen wird, es wird sich zu oft dafür geschämt, es wird sich zu oft verschlossen, es wird zu oft kleingeredet, es wird zu oft nicht ernst genommen. Aber Panik ist nichts Kleines, Panik ist etwas Großes. Ja, sie hat in unserem schnellen, narzisstischen digitalen Zeitalter keinen Platz, sie gehört nicht in das Leben des euphemistisch dargestellten Alter-Egos auf instagram oder auf einen Blog, auf dem immer alles toll und positiv und umsonst sein muss. Aber sie gehört jetzt wohl in meine Realität, stellt mich an ein Autobahnkreuz und verlangt, dass ich den richtigen Weg zackig darüber finde, um vor ihr weglaufen zu können. Ich entscheide mich dennoch anders. Ich bin lieber der Geisterfahrer, fahre in die falsche Richtung, sage ihr den Kampf an. Vielleicht überfahr ich sie ja, dann ist sie weg. Flucht ist keine Option mehr. Deutschland, 02. Dezember, 10.53 Uhr. Ich sage meiner Panik den Kampf an. Und ich werde sie besiegen. Denn Hoffnungslosigkeit ist ein Paradoxon – sie kann ohne Hoffnung gar nicht existieren.

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