Memories are killing me

Kirschblüte in Nakano

Ich schließe die Augen. Ich atme die milde Luft des Frühlings ein. Ich rieche nichts. Ich sehe nichts. Aber mein Herz weiß ganz genau, was da draußen vor sich geht. Formvollende Schönheit, fragile Blütenpracht, memento mori. In zwei Wochen ist der Zauber vorbei – er ist zu Ende, bevor ihn überhaupt alle Sinne zu genüge genießen können. Zumindest ich bekomme nie genug von ihm. Weder meine Augen noch mein Herz. Immer mehr, es ist wie eine Sucht. Die Manie ist unvergleichlich himmlisch, doch die Depression wartet bereits an der nächsten Ecke. Denn nichts hält für die Ewigkeit. Wer hätte je gedacht, dass die Kirschblüte so viel Empfindsamkeit in Menschen regen könnte.

Zarte Blumen, die zarte Emotionen hervorlocken. Frühlingsgefühle à la Japan. Quirlige Teenanger werden von ihnen genauso ergriffen wie ernste Männer mit Aktenkoffer auf dem Weg ins Büro oder streng blickende Rentner, die unvermittelt ihr iPad zücken und in den tollkühnsten Positionen ein paar Bilder knipsen. Niemand kann sich der Verlockung des 花見 (Hanami / Kirschblüten-Betrachtung) entziehen. Die 桜 (Sakura / Kirschblüten) sind zu schön, um wegzusehen. Firmen reservieren schon am frühen Morgen mehrere Quadratmeter Wiese im Park, um mit ihren Angestellten einen Tag im Freien zu verbringen – alkoholische Getränke und ausgelassene Stimmung meist inklusive. Mir blieb diese soziale Verpflichtung zum Glück erspart, ich konnte die Kirschblüte so genießen, wie ich sie wollte: allein, tiefsinnig, in Ruhe. Vor genau einem Jahr.

Die Zeitlosigkeit der Kirschblüte

 

Der Sinn für Ästhetik mag beliebig und zeitgebunden sein, doch die Schönheit der Natur ist es nicht. An ihr geht kaum ein Mensch vorbei, ohne zu fühlen. Sinnlichkeit, Faszination, Staunen, Belustigung oder Abscheu. Alles, nur kein Desinteresse. Und so stoße auch ich mit meinen nicht enden wollenden Erzählungen über die Pracht der japanische Kirschblüte nie auf Egalität. Dabei leben die visuellen Erinnerungen facettenreich in mir, gleich einem Regenbogen. Aber Gefühle sind keine Daten, wir können sie nicht abspeichern und irgendwann später wieder aufrufen. Das, was ich damals gefühlt habe, fühle ich heute nur blass.

Verträumt, schwammig, irgendwie surreal. Bevor die Seele und das Herz die Wucht der rosa Pracht verinnerlichen konnten, stirbt der Traum schon wieder langsam dahin. Aber das Schöne an den Momenten ist bekanntlich ihre Vergänglichkeit. Ich weiß, was ich damals beim Anblick des Naturschauspiels gefühlt habe. Wie meine Augen es gesehen haben. Auch wenn die Emotionen heute nicht mehr replizirbar sind, die Erinnerung an sie lebt auf ewig in mir weiter.

Kirschblüte zu Ende

3 thoughts on “Memories are killing me

  1. Die Kirschblüten haben auch für mich immer einen ganz eigenen Zauber inne und versuche immer genau darauf zu achten, das ich die Blütezeit ja nicht verpasse.
    Liebe Grüße, Mona

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