Livin‘ la vida Sugar Daddy

» I am disappointed with your behavior today. You didn’t think about my feelings at all.«

Ich weiß nicht, ob ich beim Anblick dieser pathetischen Worte lachen oder vor lauter Lachen weinen soll. Die kalten weißen Buchstaben vor dem warmen pechschwarzen Hintergrund meines LINE-Chats kommen von dem Mann, dessen Kanji ich nicht lesen kann und dessen Namen ich in dem Moment vergessen habe, in dem er ihn mir verriet. Dennoch nennt er mich sein »precious girlfriend«. Dass ich einen richtigen Freund, eine ernsthafte und seit fünf Jahren andauernde Beziehung habe, weiß er, interessiert ihn aber nicht sonderlich. Entweder nimmt er mich hinsichtlich dessen nicht für voll oder er legt die egalitäre Einstellung an den Tag, die für Japaner und ihre Beziehungen stilprägend zu sein scheint: »Oh, you’re married? I see… And what other hobbies do you have?« Wie auch immer. Ich treffe mich an zwei Abenden in der Woche mit ihm, diniere meist köstlich und weit außerhalb meines eigens bestreitbaren Budgets und lasse mir anschließend hundert oder zweihundert Euro Trinkgeld zustecken. Manchmal gehen wir anschließend auch noch ein bisschen shoppen und er zahlt mir praktisch alles was ich will. Der Mann mit dem komplizierten Kanji – ich meine mich zu erinnern, es würde »Naoya« gelesen – ist das, was gemeinhin als »Sugar Daddy« bezeichnet wird. In Tokio ist das System Sugar Daddy keine Seltenheit, im Gegenteil. Und auch meine Vorbehalte gegen dieses opportunistische Handeln wurden mit der Zeit weniger, verschwanden gar gänzlich und wurden von einer völlig oppositionellen Einsicht abgelöst. Einerseits spielen rein praktische Gründe eine Rolle. Tokio ist letzten Endes eine verdammt teure Stadt und schon ein »normales« Leben kostspielig genug. Viel bleibt da nicht übrig um sich was Schönes zu gönnen oder ein finanzielles Polster anzusparen. Andererseits bin ich durch meine stetig wachsenden Erfahrungen auch zu dem Schluss gekommen, dass die zweckgebundene Beziehung zwischen einer jungen Frau und einem meist 50 Jahre älteren Sugar Daddy keinesfalls einseitig exploitiv ist – und daher irgendwie »fair«.

 

»I t’s my pleasure

 

Ich schätze Naoya auf Ende 70. Gemessen an der Zahl seiner Falten und Altersflecken steht er quasi bereits mit einem Fuß im Grab. Er ist Kunde in der Bar, in der ich hinter der Theke arbeite, ein an sich nobler und kultivierter Mann, Krankenhausbesitzer, früherer Magenchirurg und von einer morbiden Hitler-Obsession geprägt. Er mag mich, ganz profan, weil ich Deutsche bin, viel über deutsche Geschichte und Philosophie weiß und ein hübsches Gesicht habe, das er als exotisch empfindet. Er möchte mich finanziell unterstützen und mein Leben in Tokio mit den Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen, versüßen. Er scheint außer viel Geld im sieben- oder achtstelligen Bereich nichts und niemanden zu haben; zumindest erzählt er mir das. Ich kontrolliere natürlich keine seiner Storys, möglicherweise erzählt er mir in einer Tour Bullshit. Ob er die Wahrheit sagt oder nicht, ist allerdings irrelevant. Denn ich lüge ihn auch oft genug an. Ich lüge nicht explizit, ich biege die Wahrheit nur ein bisschen zurecht indem ich an den richtigen Stellen schweige oder vage Antworten gebe, die eine Fülle an Interpretationsmöglichkeiten bieten. Anfangs kam ich mir dabei ziemlich dreckig vor. Eigentlich bin ich ein sehr ehrlicher und authentischer Mensch; dieses permanente Theaterspielen, das unumgängliche Tragen einer Maske, belastet mich emotional ungemein. Was mir aber noch viel mehr an die Substanz geht, als dieses lästige Aufrechthalten einer geschauspielerten Fassade, ist das Katzbuckeln. Das Bauchpinseln. Naoya lädt mich gern in extravagante Restaurants ein, spendiert mir Sushi für 200 € oder gegrillte Spezialitäten in atemberaubender Atmosphäre für satte 400 €. Er lächelt immer auf seine ganz eigene Weise nett, sieht dabei aus wie Graf Zahl aus der Sesamstraße und antwortet auf meine eifrigen Dankbarkeitsbekundungen nur leicht süffisant: »It’s my pleasure!« Dafür muss ich als sein »special girl« aber auch gerne mal nach seiner Pfeife tanzen.

 

»S ubtil und dabei doch sehr offensichtlich

 

Ein Sugar Daddy ist nicht dumm. Er hat reichlich Lebenserfahrung, hält nicht zum ersten Mal eine junge Frau finanziell aus und hat meist mehr als ein Eisen im Feuer. Spurt das Mädchen dann nicht so wie er es will, droht er perfide mit Konsequenzen. Nie offen, immer irgendwo im Subtext. Natürlich ist der Entzug der pekuniären Unterstützung sein gewichtigster Trumpf. Auch Naoya handelt nach Schema F. Als diese Situation, diese Sugar-Daddy-Beziehung, für mich noch neu war, dachte ich, seine Chatnachrichten zeigten eine emotionale Verwickelung in die, die ich ihm gegenüber vorgebe zu sein. Aber Naoya ist nicht der einzige geschickte Schachspieler in unserem Match. Auch ich bin alles andere als naiv. Ich weiß genau, welche Antworten, welche Reaktionen, er von mir erwartet – und ich liefere sie ihm. Je öfter er mir schrieb, desto bewusster wurde mir, dass er sich nicht gefühlsmäßig an mich zu binden drohte, sondern nur versuchte, mich emotional zu manipulieren. Er will mich permanent dazu bringen, meinen Job aufzugeben, immerhin würde er für mich sorgen, ich bräuchte mir um Geld keine Gedanken machen. Er will, dass ich in Japan bleibe, würde für mich eine Sprachschule finden, damit ich ein Studentenvisum bekomme, die horrenden Semestergebühren übernehmen und mir ein großzügiges Taschengeld zukommen lassen. Letzten Endes will er mich in ein Abhängigkeitsverhältnis pressen, will die Kontrolle über mich und mein Leben gewinnen. Und wenn ich mich ausgeklügelt aus jenen Plänen herausrede, kommt so eine Textnachricht wie eingangs erwähnt und er macht auf armen, alten, einsamen, zurückgewiesenen Mann. Ich packe dann erneut mein duckmäuserisches, süßholzraspelndes Alter-Ego aus und schaffe es geschickt, ihn zu beschwichtigen. Weil ihm das neulich aber nicht genug war, erzählte er mir, er sei mit einer anderen Frau in einem Restaurant und hoffe, sie würde seine neue Freundin, denn ich möchte es ja offensichtlich nicht mehr sein. Er zwingt mich somit in einer Weise zu reagieren, die ihm das erhoffte Resultat garantiert: ich katzbuckle natürlich erneut. Ich schlucke den ganzen Verdruss über das selbstherrliche und dabei so infame Verhalten dieses grauhaarigen Alterchens runter. Ich mache ihm vor, seine emotionalen Erpressungen würden Wirkung zeigen. Eine verdammt bittere Pille, die ich da schlucken muss, aber am Ende bin ich der Nutznießer und behalte die Oberhand in unserer verqueren Beziehung. Er hält mich für ein folgsames Weibchen, das er an der kurzen Leine hält, dabei habe ich ihn längst durchschaut und weiß genau, was ich tun muss, um ihn ohne jeglichen physischen Kontakt weiterhin bei der Stange zu halten. Das mag eine absonderliche From von Fairness sein, aber irgendwie ist sie vorhanden. In gewisser Weise bevormundet er mich, man könnte fast sagen, erniedrigt mich in manchen Situationen, zumindest hinsichtlich dessen, dass er mich nicht als unabhängige und starke Frau anerkennt. Dafür muss er dann eben bezahlen. Meine teure Haarfarbe, mein neues Lieblingskleid oder die Standardflasche Moët&Chandon Rosé, die ich ihm relativ gerne aus den Rippen leier‘. Mein Leben in Tokio hat ein Upgrade unvorstellbaren Ausmaßes genommen – und das ganz ohne sexuelle Gefälligkeiten. Maximal eine Umarmung zur Begrüßung und Verabschiedung bekommt Naoya von mir – ein bisschen Ablenkung, naja, eher Zerstreuung, zwischenmenschliche Wärme und die temporäre Aufgabe meiner weiblichen Emanzipation kommen noch dazu. Gibt schlimmeres, da muss man einfach ’n bisschen kalt drüber wegsehen. Und in dieser eher unterkühlten Attitüde bin ich dann auch vollkommen indifferent, wenn er die geradezu impertinente Frechheit besitzt, mir zu schreiben, ich würde nie an seine Gefühle denken, wenn er doch derjenige ist, der mich in zwei Monaten Bekanntschaft nicht ein einziges Mal auch nur »Wie geht’s?« gefragt hat.

4 thoughts on “Livin‘ la vida Sugar Daddy

  1. Ppppuuuuuhhhhhhhhhhh….nach dem Text musste ich erst einmal schlucken. Ich habe davon zwar schon oft gehört, aber man denkt immer: „So etwas gibt es doch nur im Fernsehen!“ Ich weiß, ich bin ein wenig zu sehr von der Bullabü- Welt von der lieben Astrid Lindgreen geprägt. Sei es drum. Jeder hat seine Beweggründe und sein Leben.
    Liebst
    http://www.instylequeen.de/?p=15927

    1. Man darf den Sarkasmus hier nicht außer Acht lassen, dann liest sich das Ganze gleich etwas humoristischer 😀 Aber ja, krasse Sache dennoch. Hätte auch nie gedacht, was mir hier in Tokio alles passiert.

  2. Wow ein echt gut geschriebener Text deiner Situation. Ich finde es toll, dass du das so offen mit uns teilst und deine Erfahrungen offen legst. Das ist ein sehr interessantes Thema und ist sicher schwer mit umzugehen am Anfang, wenn man sich entscheiden muss, ob man sich darauf einlässt und mitspielt oder nicht.
    Ich bin sehr gespannt wie es weitergeht.

    Liebst, Sarah von Belle Mélange

  3. Wow, ein sehr interessanter Text. in meiner alten Beziehung dachte ich auch mal daran.
    Aber bin mittlerweile froh, dass ich mit einem Mann zusammen bin, denn ich liebe.
    Bin aber schon sehr gespannt, wie es bei dir weiter geht.
    Liebe Grüße Michelle von beautifulfairy

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