Lichtermeer

 

Ich ziehe mir meinen alten Oversized-Pullover über. Den hatte ich schon lange nicht mehr an. Es ist ungewöhnlich kühl für Tokioter Verhältnisse. Anfang September, das erste September-Wochenende um genau zu sein, und die Nacht wird bereits so frisch, dass langärmlige Oberteile empfehlenswerter sind als solche mit kurzen Varianten. Vor einer Woche stöhnten wir alle noch unter der drückenden, schwülen Hitze. Diese Zeit scheint nun vorbei. Der Sommer ist vorbei. Es ist Herbst, regnerisch und mit minderwarmen Tagen gespickt. Dennoch schlage ich mir die Nacht um die Ohren. Dieses Mal nüchtern. Und nicht in einem Club. Stattdessen schleppe ich mein (geliehenes) Stativ durch die Stadt und gehe auf Fotojagd. Nicht irgendeine wilde Jagd, nein, ich habe genaue Routen und Bilder im Kopf. Ich nutze den Nightwalk, um Tokio erneut aufzusaugen, in meine Erinnerung einzubrennen und alte Erfahrungen zu wiederholen.

 

»M ein Weg durch die Metropole

Von meiner alten Wohnung in Ebisu geht es Richtung Roppongi. Ein Weg, den ich im Dezember, als ich in Ebisu gewohnt habe, oft gelaufen bin. Damals hatte ich kein Geld und konnte mir kaum Essen leisten. Um meine Seele dennoch zu verwöhnen, griff ich oft zu meiner Kamera und spazierte durch die Straßen. An all die Orte, die Touristen besuchen, die Wege dorthin aber nicht kennen und ihre Schönheit somit nie sehen. Tokio war damals kahl und grau, die Sonne leicht silbrig, der Himmel aber meist bedeckt. Schnee fiel nicht, der Winter war wie ein ewiger Herbst in Deutschland. Genau mein Wetter. Also erkundete ich die so faszinierenden Straßen und machte mir so das Leben ein großes Stück schöner. Das liebe ich so an der Fotografie. Sie hat mich gelehrt, die Welt mit anderen, aufmerksameren Augen zu sehen, Ästhetik dort zu erkennen, wo andere nur Alltägliches sehen und mir meinen Weg kostenlos durch ihre Gesichter zu bahnen. Klar, das Equipment kostet viel, die Anschaffungspreise sind enorm. Dafür ist das, was darauf folgt, eigentlich immer umsonst und dabei doch so erfüllend und wunderbar. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei der Umwelt, die für die meisten Menschen eher gewöhnlich erscheint. So würden viele den Weg von Ebisu nach Shibuya wohl nicht als sonderlich spannend empfinden. Ich allerdings schon. Von Shibuya ging es dann weiter durch das nächtliche Harajuku nach Yoyogi. Von dort nahm ich die erste Bahn nach Hause und fiel um 7 Uhr morgens bis zum Erbersten zufrieden ins Bett.

 

»L ichtermeer?

Tokio ist so pulsierend. So schrill, hell und laut. Zumindest bei Tag. Und am Abend. Als ich aber meine Kreise durch den Betondschungel ziehe, ist bereits tiefdunkle Nacht. Ich komme um 23 Uhr in Roppongi an. Die Bahnen fahren in einer guten Stunde zum letzten Mal. Alle, die sie verpassen, müssen bis 5 Uhr morgens warten. In Bars, auf Tanzflächen, in Karaoke-Schuppen. Oder betrunken in der Gosse. Das scheint ihre liebste Methode zu sein, vielleicht weil billig. Und die Lichter? Die sterben dabei. Die Menschen auf der Straße werden weniger, die Geräuschkulisse stetig leiser. Tokio geht schlafen – oder fällt betrunken an Bordsteine. Selbst das Shibuya Crossing ist leer, die sonst mit Massen überfüllte Takeshita Dori ausgestorben. Je später die Stunde, desto dunkler wird es. Die Trottoirs liegen breit und frei von Menschen vor mir. Nur ich und meine Kamera geben Geräusche von uns. Wir sind wie spukende Geister, die durch die magisch anmutenden, düsteren Straßen wandeln, die auf einmal alle aussehen wie Szenen aus Tokyo Ghoul. Das Lichtermeer der Feiermeilen – es kann noch nicht einmal mit der Reeperbahn mithalten. Hamburgs Feierfreudige sind lustiger, aufgeweckter, wacher. Dafür ist der Verkehr von Tokio etwas schöner zu beobachten und das Gefühl von Melancholie und Freiheit präsenter. Nur was ist schöner? Nightlife Highlife oder anonyme Dunkelheit?

 

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