Kamakura

Hōkoku-ji Kamakura Eingang

Es dämmert schwach. Die Lichter meines Tokioter Wohnviertels sind noch erloschen. Einzig ich, das zarte Rot des frühmorgendlichen Himmels und einige einsame Straßenlaternen sind wach. Geräuschlos bewege ich mich durch die verlassenen Straßen, zielstrebig zur Bahnstation. Knapp 90 Minuten später stehe ich in Kamakura. Japanische Provinz der Neuzeit, einstige Kaiserstadt des spätmittelalterlichen 日本 (Nihon / Japan). Es ist noch kühl, kaum eine lebendige Seele kreuzt meinen Weg. Da bin nur ich, der Tau des Frühlings und die faszinierende Landschaft der Kleinstadt. Sie ist im Grau des Morgens, durchzogen von zartgoldenen Sonnenstrahlen, mystisch – und ästhetisch überbordend.

Durch verlassene Schleichwege bahne ich mir meinen Weg zum 報国寺 (Hōkoku-ji) – ein Tempel, den kein Tourist, der nicht aus Japan kommt und gut informiert ist, zu kennen scheint. Während ich durch Häusernischen schlüpfe und interessiert über Zäune luge, entdecke ich einen Bach voller Karpfen. Eigentlich nichts außergewöhnliches, aber die morgendliche Sonne überrascht mich mit einem unvergleichlichen Naturschauspiel. Etwas schlängelt sich farbauffällig durch den übrigen Schwarm, erreicht den lichtdurchfluteten Teil des Wassers und schimmert so unvergleichbar schön, dass ich mein Glück kaum fassen kann. Ich sehe mit eigenen Augen den berüchtigten »Golden Koi«, in feier Wildbahn, wie ihn die Natur – nicht der Mensch – schuf. Aber das ist längst nicht alles an ökologischer Schönheit, das mir dieser Tag zu bieten hat.

Bambuswald in Kamakura

 

 Hōkoku-ji

 

Etwa 30 Minuten gemächlicher Fußmarsch trennen mich von meinem ersten Ziel. Es heißt 報国寺 und ist ein Tempel, den nur die wenigsten Menschen kennen. Dabei ist seine Ästhetik atemberaubend, seine Wirkung stark und seine Symbolik tief mit der japanischen Mentalität von Ausgeglichenheit, Schönheit und Respekt verwurzelt. Zunächst begrüßen filigran angelegte Gartenanlagen den Besucher, darauf folgt ein durchschnittlicher Tempel. Aber in seinem Hinterhof liegt einer der eindrucksvollsten Anblicke, die mir in Japan geschenkt wurden. Ein Bambuswald – naja, vielleicht eher ein Hain – liegt vor mir, wie eine Selbstverständlichkeit, mit der mir die Natur ein Lächeln auf die Lippen zaubern wollte.

Bambus ist in Japan wahrlich keine Seltenheit. Er wächst praktisch überall wie bei uns die gemeine mitteleuropäische Fichte. Er wird jedoch selten für ästhetische Parkanlagen gezüchtet und gepflanzt – und noch seltener gelangt man an ihn so nah heran, wie im Hain von Hōkoku-ji. Dabei umspielt das Licht der Sonne die dünnen Stämme an dem noch kühlen Märzmorgen gleich einem surrealen Traum. Etwas, das man in den heimischen Gefilden nie sehen wird. Ein Mix aus Hell und Dunkel, aus Grün und Gold. Eine exotische Naturschönheit.

Bambus in Kamakura Hokokuji

Golden Koi

 

Der schöne Unbekannte

 

Auf dem Weg zurück Richtung Stadtmitte stolpere ich über ein Tor, das meine Aufmerksamkeit erregt. Es ist nicht besonders, lediglich ein wenig marodes Holz, aber auf seltsame Weise zieht es mich an. Ein Blick auf meine Armbanduhr verrät: Es ist noch nicht einmal 9 Uhr morgens, hinter seinen Pforten bewegt sich sicherlich noch kein Mensch. Das Leben in Japan fängt eigentlich nie vor 9 oder halb 10 an. Also bin da nur ich. Nur ich betrete sein Innerstes, höre das Kiesbett unter meinen Füßen knirschen und entdecke vollkommen unvermittelt den Inbegriff der japanischen Ästhetik.

So stehe ich alleine vor einem Shinto-Schrein, dessen Namen ich nicht weiß, dessen Gottheit ich nicht kenne und dessen Kanji ich nicht lesen kann. Aber das alles ist sehr zweitrangig, denn den Esprit der Anlage verstehe ich auch ohne Vorkenntnisse. Auf den bläulich-kühlen Bambuswald folgt der stille Anfang eines zartrosa Zaubers, auf den ich mein Leben lang gewartet hatte. Und hier sehe ich nun zum ersten Mal die 桜 (Sakura / Kirschblüten) formvollendet vor dem Antlitz eines indigen japanischen Gotteshauses. So entstand eines meiner schönsten Bilder aus dem Land der aufgehenden Sonne.

 

Hase-Dera

 

Die Straßen werden weiter, die Menschen mehr. Sie verschmelzen zu Massen, die die touristischen Zielpunkte der berühmten Stadt in der sonst so ruhigen Präfektur Kanagawa einen nach dem anderen abklappern. Ich folge ihnen willkürlich, denn mein Ziel ist ihrem identisch. Ein auf einem Berg gelegener Tempel, der mit Prunk und ästhetischem Reichtum alles andere als geizt. 長谷寺 (Hase Dera), einer der berühmtesten Wallfahrtsorte Japans, mehrere Tempel auf drei Etagen, ein fantastischer Blick auf das Meer und insgesamt ca. 50.000 steinerne Statuen, die über totgeborene, im Mutterleib gestorbene oder abgetriebene Kinder wachen sollen.

Eine eigentlich traurige Stätte voller zerstörter Hoffnung und Allgegenwärtigkeit des Todes. Dennoch pulsiert hier das Leben, Frauen in leuchtenden Kimonos prägen das Bild, ein Meer aus bunten Blumen komplettiert das farbenfrohe Ensemble. Detailverliebte Teichanlagen beherbergen wunderschön gezüchtete Kois, mächtige 灯籠 (Tōrō / japanische Steinlaterne) und unzählige heilige Stätten. Den Berg stetig hinaufkletterend, erhebt sich ein großzügig angelegter Friedhof über das nahe Meer. Der Ausblick auf das weite Blau ist fantastisch, gespickt mit dem Grün der japanischen Gärten und dem Grau der Zivilisation.

Kamakura Hase Dera

 

Buddha ahead!

 

Kamakuras – wortwörtlich – größte Attraktion wartet nur wenige Meter entfernt von Hase Dera auf Verehrer und Besucher. Eine steinerne Gottheit mit ehrfürchtiger Ruhe im ikonenhaften Gesicht. Seine Aura ist magisch, sein Charisma unbeschreiblich. Blöd nur, dass Generation Y mittlerweile zu stereotypen Smombies herangewachsen ist, die sich für Kultur nur noch mittelmäßig zu interessieren scheint. Nicht mal Buddha himself bleibt vor lästigen Smartphone-Spielen verschont. Dem alten Herrn wurde es wohl zu bunt. Pokémon Go ist mittlerweile nicht mehr.

Kamakura Buddah

Kamakura Buddha

Kamakura Great Buddah

 

Enoshima – Endstation

 

Wer die Massen des Buddha-Tempels hinter sich gelassen hat, steigt meist in der nahegelegenen Tram Hasekanon ein. Ein uriges Bähnchen schlängelt sich an der Küste entlang gen Enoshima – die berühmte Halbinsel, auf der gestresste Tokioter im Sommer gern die kühlen Fluten des Pazifik genießen. Ende März ist sie noch menschenleer und idyllisch wie ein Paradies, das sich nur mir zeigt. Ich sage Kamakura hier adé und trete nach einem Tag voller kultureller Entdeckungstouren und Erlebnisse wieder den Heimweg nach Tokio an.

Enoshima Beach

Enoshima Beach

 

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