Jenseits der Tragödie

 

Blaue Berge, blaues Meer, blaue Flüsse. Königsblau, Azurblau, Mitternachtsblau. Hiroshima ist ein Traum aus kalten Nuancen, früh morgens durchzogen von Nebelschwaden und einer gewissen melancholischen Herbstatmosphäre, auch wenn es mit 28 Grad eher sommerlich temperiert ist. Diese Stadt, die weltweit als ein Sinnbild vollkommen sinnlosen Sterbens, militärtechnischer Zerstörungswut und toxischer Hoffnungslosigkeit fungiert, ist heutzutage modern, mit Wolkenkratzern und unendlich vielen jungen Menschen, die gerne englisch mit Touristen sprechen möchten. Die Spuren der Vergangenheit sind nur an wenigen Stellen präsent. Die Einwohner wollen nicht auf ewig nur die Opfer einer nuklearen Detonation sein. Sie sind lebensfroh, energiegeladen und weltoffen. Sie lachen viel und genießen ihren fantastischen Blick auf den Ozean oder die rekonstruierte Burg. Palmen wachsen am Meerufer, an den flachen Bergen kurz dahinter Bambus… Und dann gibt es da auch noch tausende Inseln, die sich sanft und steinig in das salzige Wasser des Pazifik schlängeln.

 

Eine der berühmtesten ist Miyajima, eine der »drei schönen Landschaften« Japans, wie sie der konfuzianische Gelehrte Hayashi Razan einst taufte. Weltberühmt ist das 1875 fertiggestellte, 160 Meter hohe, mächtige Ootorii des Itsukushima-Schreins, das bei Flut im Meer schwebt, bei Ebbe jedoch wie ein hölzerner Riese einer Sage des Wattenmeers erreicht werden kann. Schulklassen müssen hier her, Touristen wollen es, die Boote sind standardmäßig voll. Umgangen werden die Menschenmassen wenn dann nur früh morgens. Die erste Fähre zur mystischen, 30m² großen Insel verlässt das Festland gegen 6 Uhr. Ich bin auf ihr. Sie bahnt sich durch Morgennebel und die greller werdenden Sonnenstrahlen zielstrebig ihren Weg zu dem Ort, der in den noch blauen, aber irgendwie schon goldenen Stunden des anbrechenden Tags dem Rückzugsort altnordischer Götter gleicht; fremd, unscharf, magisch. Empfangen werden jene, die das Betreten dieser heiligen Erde nicht scheuen, von zahmen japanischen Rentieren. Eigentlich wild, doch ihnen schmecken die Maiskekse, die Besucher extra für sie kaufen und ihnen verfüttern, schlicht viel zu gut, um noch Aversion gegen die Menschenhände zu hegen, die sie auch gerne einfach nur streicheln. In Größe und Fellzeichnung ähneln sie Disneys Bambi in frühen Teenagerjahren, lediglich die Böcke übersteigen meine Hüfthöhe. Ich lasse sie bald hinter mir und wate zum Torii. Das Wasser ist kühl, glasklar und salzig, das Torii erhebt sich vor mir, nur für mich wie es scheint. Mit jeder Minute strömen mehr meiner Mitmenschen in meine Richtung, ich knipse meine Bilder dennoch in aller Gemütlichkeit. Und dann erreicht mich eine Nachricht. Es gäbt in Hiroshima noch so viel mehr zu entdecken als lediglich jener touristische Magnet, an dem ich gerade verweile. Der Stille Ozean, wie in Marco Polo auf seinen Abenteuerreisen nannte, sei vor der Stadt besonders friedlich. So konnte die Umgebung seit jeher problemlos von Schiffen angefahren werden und florierte in vergangenen Jahrhunderten durch regen Handel. Mein Bekannter entführt mich visuell in diese Zeit und offenbart mir ein verstecktes Paradies, wie ich es nie in dieser Region erwartet hätte.

Einige Kilometer südöstlich, entlang der weiten Küste, liegt Kure, ein ehemaliges Militärzentrum, das vor allem für den Bau des mächtigsten Kriegsschiffs des Zweiten Weltkriegs, der Yamato, bekannt ist. Ein wenig weiter finden sich hunderte Inseln, vier davon groß genug um bewohnbar zu sein. Hier eröffnet sich all jenen, deren Augen nur wachsam genug sind, ein Paradies aus traditionellen japanischen Holzhäusern, die eine Illusion längst vergangener Jahrhunderte spinnen. Sie werden von mächtigen und reich verzierten Steindächern gekrönt, von saftigen Gärten und Granatapfelbäumen gesäumt und von tiefblauen Wassermassen umgeben.

 

Der Touristen unbekannte und fast schon unberührt erscheinende Flecken Erde, auf dem Wildschweine gleichermaßen einen Rückzugsort finden wie pensionierte Fischer, nennt sich Ōsakikamijima, eine Insel, die nur per eigenem Auto zu erreichen ist und eigentlich auch nur für jene auffindbar, die bereits wissen wo sie liegt. Hier versteckt sich ein japanisches Dorf aus der Edozeit, das Kyotos Gion-Distrikt problemlos jede Show stiehlt. Etwa mittig erhebt sich ein größerer Hügel – oder eben winziger Berg -, der neben einem atemberaubenden Ausblick auf die gesamte Umgebung auch einen Prostituiertenfriedhof, Wildschweine und Orangenplantagen beheimatet. Wer sich die Mühe macht, jenen geheimen Garten Eden zu finden, dem sei ein phänomenaler Blick in die Vergangenheit, auf die Schönheit der Natur und auf das tiefe Blau des Ozeans gewiss. Zum Abschied ist ein wunderbar purpurner Sonnenuntergang an einem verlassenen Strand ebenfalls garantiert. Und genau damit wurde Hiroshima zur liebsten meiner Stationen auf meinem Weg quer durch Japan.

6 thoughts on “Jenseits der Tragödie

  1. Wow, deine Art zu schreiben gefällt mir unfassbar gut und die guten Bilder unterstützen das perfekt. 🙂
    Hiroshima oder allgemein Japan stehen auch auf meiner Reiseliste – dein Post hat mich auf jeden Fall neugierig gemacht.

    Liebe Grüße
    Vanessa

  2. Vielen vielen Dank für das was du uns zeigst und mitteilst. Denn sicher haben die meisten ein ganz anderes und von den Medien geprägtes Bild. Umso schöner dass du uns zeigst, dass dieser Fleck der Welt es verdient, gesehen zu werden 🙂
    Liebe Grüße
    Larissa

  3. Das klingt einfach wundervoll. Du nimmst uns richtig mit und man kann sich richtig vorstellen wie schön es dort sein muss.
    Einfach ein toller Post mit wundervollen Fotos.
    Liebe Grüße Michelle von beautifulfairy

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.