Großstadtgeflüster

 

Es ist schwül und drückend. Die Sonne brennt unbarmherzig auf meine Haut, Schweißperlen fallen von meinen Wangen, ich ächze ob der laut Wetterapp gefühlten 37 Grad und werde trotz tiefschwarzer Sonnenbrille stark geblendet. Nicht vom gleißenden Licht, nein. Sondern von der Ästhetik, von der Schönheit der Zivilisation, die sich in ihrer Melange aus Stahl, Glas und Beton vor meinen Augen empor hebt. Ich sauge sie mit jedem Atemzug ein, verinnerliche sie, brenne sie in meine Erinnerung ein wie der Feuerball am Himmel auf mein Haupt. Das ist sie. Meine zweite Heimat. Tokio ist zu meiner Heimat geworden. Ich kenne mich hier mittlerweile besser aus als in Hamburg oder Hannover. Ich habe mehr Straßen erkundet, mehr Restaurants versucht, mehr Fotografien aufgenommen, mehr aus meiner Lebenszeit gemacht als je zuvor. Permanent vernahm ich in meiner Seele das hämmernde Ticken einer Uhr; ich konnte nicht vor ihr weglaufen und stellte mich ihr folglich lieber trotzig mit tatkräftigen Unternehmungen, bunten Partynächten und schrillen Souvenir-Shoppingtrips in den Weg. Und heute? Heute habe ich noch genau fünf Tage hier und kenne Tokio wie meine Westentasche, ging acht Monate lang täglich in Shinjuku arbeiten, lebte im Stadtkern Ebisu und machte zuletzt die Straßen Suginamis und Ginzas unsicher. Aber weil es in Tokio immer etwas Neues, Spannendes, Schönes zu entdecken gibt, raste ich nie. Beständig lasse ich mich durch den Großstadtdschungel treiben, folge mal den Massen, mal meinem Bauchgefühl, aber nie den Touristen. Heute treibt mich mein Instinkt von Suidobashi nach Iidabashi, weiter nach Ichigaya und von dort bis nach Yotsuya. Manchmal muss ich mich durch Menschentrauben drücken, stellenweise bin ich völlig allein. Nur ich. Nur ich und die weitläufige Architektur, die stillen Elektroautos und die vorbeiziehenden Wolken. Ziellos setze ich einen Fuß vor den anderen, zücke alle drei Meter in gewohnter Manier meine Kamera und bin glücklich über jedes Bild, das den grausilbrigen Zauber der unendlichen Stadt genauso einfängt wie ihn meine Augen und mein Herz sehen. Die Stadt zeigt mir still und klammheimlich ihre schönsten Gesichter, wie ein unmoralischer Liebhaber, der sich im Schutz der Abenddämmerung aus der Wohnung der lüsternen Ehebrecherin schleicht. Und genau dafür liebe ich sie. Wir haben die Sonne hinter uns gelassen, sind einander treu geblieben bis die Nacht über die Welt hereinfällt und brauchen nichts außer ein paar leiser Liebesbekundungen. Das ist mein ganz intimes Großstadtgelüster.

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