Gesundheitswesen und Ärzte | Deutschland top, Japan flop

Es gibt viele Dinge an Deutschland, wie wir alle scheiße finden. Dazu gehören vor allem die hohen Steuer- und Sozialabgaben. Die relativ hohen Krankenkassenbeiträge kotzen die meisten von uns ebenfalls an. Auch mich. Da wird mir mein sauer verdientes Geld einfach so weggenommen. Halbiert. Erschien mir immer unfair. Vielleicht, weil mir nie so wirklich bewusst war, was unser Staat damit eigentlich für uns leistet und uns bereitstellt. Weil für mich immer alles so selbstverständlich war in diesem System, in das ich hineingeboren wurde und nie anders kennen gelernt habe. Seit ich in Japan wohne, wird mir aber immer klarer, wie sehr Deutschland seine Bürger finanziell und sozial unterstützt. Natürlich gibt es da auch noch genug Luft nach oben, aber wer das System hier mal kennen gelernt hat, wird Deutschland sehr schnell zu lieben lernen. Das Gesundheitswesen ist einer der Bereiche, der immer wieder Gegenstand großer medialer Kritik ist. Aber wie gut wir in diesem Sektor eigentlich versorgt werden, zeigte mir mein erster wirklicher Notfall in Japan.

Ein teures Krankenkassen-System

Einmal in Japan angekommen und einen Wohnsitz angemeldet, versuchen die netten Menschen hinter’m Schreibtisch sofort die Japanese National Health Care als Pflicht zu verkaufen. Ich konnte mich da nur rauswinden indem ich lange erklärt habe, dass ich eine internationale Versicherung habe und die Karte meiner privaten Krankenversicherung vorlegen konnte. Nur der ausgedruckte Vertrag der HanseMerkur hätte nicht gereicht. Zum Glück wussten die japanischen Angestellten nicht, dass meine deutsche Krankenkassenkarte für den internationalen Versicherungsschutz gar nicht wirksam ist. Gut, habe ich halt »betrogen«. Und ich bin auch ehrlich wahnsinnig glücklich darüber, mir diese vollkommen unnötige Kostenfalle erspart zu haben. Sie wird nämlich von den meisten Kliniken und Ärzten hier gar nicht akzeptiert. Japaner schließen meist eine Versicherung über ihren Arbeitgeber ab. Und auch bei den besten Versicherungen hierzulande muss der Versicherte immer 30 % der anfallenden Kosten übernehmen. Für uns Deutsche, die es gewöhnt sind bei einem regulären Arztbesuch, bei Beschwerden und notwendigen Behandlungen und Tests keinen Cent zu zahlen, ist das natürlich ein absoluter gesellschaftlicher Missstand. Übrigens wird der Japaner in der Regel nach der Behandlung cash zur Kasse gebeten.  Die Rechnungen kann er dann hinterher seiner Versicherung senden, die allerdings maximal 70 % rückerstattet.

Englisch is‘ nich

Ja, wir sind hier halt nicht in den USA. Das hier ist Japan. Hier wird Japanisch gesprochen. Zwar wird hier in der Schule sehr wohl Englisch unterrichtet, das allerdings super effektiv auf Japanisch und mit keinerlei Konversation. Pauken um den Multiple Choice Test richtig anzukreuzen, das ist der Fokus. Ich bin mir ja trotzdem sicher, dass die Japaner Englisch dennoch recht gut beherrschen. Sie trauen sich nur nicht wirklich, es zu sprechen. Ganz besonders eben die Ärzte. Kein Mensch kann mir sagen, dass Ärzte nicht Englisch sprechen können. Ein Großteil der medizinischen Fachliteratur wird auf Englisch veröffentlicht und eben nicht übersetzt. Also können Ärzte das. Ich hab aber gerne mal so das Gefühl, dass sich Japaner bewusst etwas dumm stellen sobald es ans Sprechen anderer Sprachen geht. Und selbst wenn ich mittlerweile gut Konversation auf Japanisch treiben kann – ein gesundheitliches Problem kann ich nicht beschreiben, vor allem nicht detailliert. Es muss also immer nach englischsprachigen Praxen und Kliniken gesucht werden. Und das ist gar nicht so einfach.

Öffnungszeiten zum Lachen

Hat man aber doch mal einen Arzt gefunden, der einem mit Englisch dient, sind die Wartezeiten für einen Termin lang. Man möchte meinen, das könnte an den lächerlichen Öffnungszeiten der meisten medizinischen Einrichtungen liegen: meist werden die mit 9-12 Uhr angegeben. In Kliniken können Notfälle natürlich 24/7 aufschlagen, dann ist aber meist kein englischsprechender Angestellter im Haus. Und was ein »Notfall« überhaupt ist, ist ein wenig Definitionssache. Ich habe mich in meinem Fall sehr wohl als Notfall wahrgenommen. Die Rezeptionisten an den japanischen Krankenhäusern allerdings nicht.

Die bittere Enttäuschung

Was ist mir eigentlich passiert? Nun, ich litt seit einiger Zeit an Problemen im Schulter- und Nackenbereich. Der dünne Futon war Gift für einen Seitenschläfer wie mich und ich wachte fast jeden Tag mit Schmerzen auf, konnte meinen Kopf nicht drehen und war in meinen Bewegungen stark eingeschränkt. Dadurch entwickelte sich eine permanent verspannte Muskulatur, die mir bei einer japanischen Shiatsu-Massage wahnsinnige Autsch-Momente bereitete und meinen linken Arm mit einem dauerhaften, nervigen Kribbeln versah. Es wurde nach dem Kauf eines neuen Kissens besser, auf die Lieferung der neuen Matratze muss ich allerdings immer noch warten. Mittlerweile stellte sich bei mir ein starker Muskelkrampf der Nackenmuskulatur ein, der mich eines Nachts so sehr in den Wahnsinn trieb, dass ich ins Krankenhaus nebenan ging. Mein Kopf fühlte sich in jeder erdenklichen Position am falschen Fleck an, mein Nacken schmerzte unaufhörlich, kein Calcium, keine Schmerztabletten, keine Massage, kein heißes Bad, keine Übungen halfen. Gegen zwei Uhr nachts hatte sich meine Muskulatur derart verbissen, dass ich vor Schmerzen hätte weinen wollen. Also ging ich ins Krankenhaus. Den Nachtdienst übernahm ein Internist. Er sagte mir, es sei kein Orthopäde im Haus, er selbst könne mich nicht behandeln. Aha, als könnte ein Internist kein stinknormales Muskelrelaxans spritzen oder mir in Pillenform verkaufen… Er gab mir den Zettel einer Orthopädischen Klinik, die erst um neun Uhr morgens öffnet und schickte mich von dannen. Mitten in der Nacht. Mit Schmerzen. Und in Panik. In meiner Verzweiflung nahm ich mein Fahrrad in die Hand und fuhr zum nächsten Krankenhaus. Der Nachtrezeptionist schlief mit seinem Kopf auf dem Tresen. Ich weckte ihn, er stierte mich entgeistert an. Ich erklärte ihm meine Situation mit Google Translate. Er meinte, es sei nur ein »bone specialist« im Haus. Super, genau das, was ich brauch! Nee, der verpennte Trottel war der Überzeugung ich bräuchte einen Neurologen. Und der sei nicht da. Meine Wut im Zaum haltend versuchte ich ihm zu erklären, dass ich ein muskuläres Problem habe und kein nervöses. Ich fragte, ob man mir nicht zumindest Schmerzmittel oder ein Verspannungen lösendes Mittel spritzen könnte. Er watschelte um die Ecke, kam zurück und sagte, die Krankenschwester meinte, man dürfe des Nachts keine Injektionen verabreichen. WTF, are you serious? Das zweite Krankenhaus schickte mich also ebenfalls weg. Um drei Uhr morgens. Mit mittlerweile tierischen Schmerzen, einer Muskulatur aus Stein und einem vollkommen entkräfteten Geist durch viel zu langen Schlafentzug. Ich könne ja nach Asagaya ins Krankenhaus fahren. Damit mir die guten Menschen da genau dasselbe sagen, oder wie? Ich war so wütend. Wie können es Ärzte nur verantworten, jemanden mitten in der stockfinsteren Nacht, der mit einem schmerzverzerrten Gesicht und einem panischen Puls zu ihnen kommt, einfach abzuservieren und nichts zu tun? Als wäre ich aus purem Spaß um halb drei morgens zwei Kilometer mit meinem Fahrrad ins Krankenhaus gefahren. Keiner fühlt sich verantwortlich in diesem System, das nur an das System glaubt. Jeder hier macht seinen Job nach Minimalprinzip. Kann ich nicht zu 100 %, mach‘ ich lieber auch nicht. Um die Ecke denken? Gehört nicht zur japanischen Mentalität, ist politisch nicht gewollt. Bevor Japaner ohnmächtige Menschen in der Öffentlichkeit in die stabile Seitenlage positionieren, rufen sie zögerlich die Polizei an und stehen doof neben dem Bewusstlosen; wenn er stirbt, stirbt er halt. Und ich? Ich warte mit zusammengebissenen Zähnen darauf, dass die Uhr endlich 9 anzeigt und ich irgendetwas gegen dieses ekelhafte Gefühl in meinem Rücken tun kann.

Das japanische Gesundheitssystem ist gelinde gesagt kacke. Sie bewerben sich mit süßen Animefiguren und knuddeligen Häschen-Maskottchen. Hasi hilft dir? Nee, ’n feuchten Scheißdreck macht Hasi. Ich vermisse Deutschland in solchen Situationen wirklich sehr. Und wenn ich wieder dort bin, werde ich viel stärker zu schätzen wissen, was mir dieser Sozialstaat an kostenlosen, umfassenden Behandlungen zugesteht.

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