Fragiler Frieden.

Wald Lichtung mit grauem Himmel

 

Sie sind heimtückisch und niederträchtig. Empfinden keine Empathie, kennen keine moralischen Grenzen und verletzen ohne jegliche Skrupel Gefühle. Narzisstische Eltern. Ihre Kinder sind für sie keine eigenständigen Menschen, egal, wie alt diese auch sein mögen. Es gelingt den Erzeugern nicht, ihre Sprösslinge als eigene Entität wahrzunehmen, die von der eigenen Identität abgegrenzt ist. Das Kind ist nur der verlängerte Arm des Egos – und eigentlich nur ein Mittel, um es zu polieren.

Diese traurige Wahrheit ist meine Realität. Seit 29 Jahren bin der Fußabtreter, auf dem meine Eltern herumtrampeln, um ihre eingebildete Welt der unbedingten Überlegenheit zu bestätigen. Der Boxsack, auf den sie verbal einprügeln, bis er am Boden liegt und weint. Die Personifikation der eigenen niederen Triebe und charakterlichen Verfehlungen, die sie von sich selbst abspalten müssen, um ihr überhöhtes Selbstverständnis aufrecht zu erhalten.

Ich habe mich früher oft gefragt, was ich falsch mache, dass meine Eltern mich nicht so lieben – nicht so akzeptieren –, wie ich bin. Heute weiß ich: Ich hab nie was falsch gemacht. Meine Eltern sind einfach nur krank.

 

 

Was ist Narzissmus?

 

Narziss sah sein Spiegelbild in einem See – und verliebte sich in es. Er betrachtete es so voller Wonne und Verzückung, dass er, betört vom Ergötzen an sich selbst, ins Wasser stürzte und ertrank. Er steht Pate für all jene Menschen, die eine krankhafte Liebe zu sich selbst entwickeln – und niemand anderen mehr lieben können.

Narzissmus als Pathologie, als psychische Störung, ist ein toxischer Charakter, der alles vergiftet und tötet, was mit dem Narzissten in Berührung kommt. Was charakterisiert ihn?

  • Überhöhung: Der Narzisst denkt, er sei der Beste, der Tollste, der Wichtigste, der einzig Wahre.
  • Abwertung: Er wertet alles und jeden ab. Jeder, der anders denkt als er, verwirkt sein Leben.
  • Cholerik: Der Narzisst neigt zu starkem Ärger, zu Jähzorn, diskutiert nicht und schreit sofort.
  • Empathielosigkeit: Er hat einen Sender, aber keinen Empfänger. Es ist ihm egal, wie andere sich fühlen.
  • Kritikunfähigkeit: Der Narzisst empfindet Feedback es als Angriff, als Kränkung, als Abwertung.
  • Gier: Er hat schier unersättliche Ansprüche, benötigt Bewunderung und fällt durch Imponiergehabe auf.
  • Manipulation: Er missbraucht und erpresst die Emotionen anderer.

Narzisstische Eltern zu haben, bedeutet also, in einer puren Abwärtsspirale, in einem Teufelskreis aus emotionalen Erpressungen, zu leben. Denn egal, was das Kind tut, es wird nie genug sein – und in regelmäßigen Abständen den grundlosen Jähzorn mit erniedrigenden Beschimpfungen ertragen müssen.

 

Sind narzisstische Eltern schlechte Eltern?

 

Meine sind es. Sie sehen mich als ewiges Kind, das sie bevormunden, herumkommandieren und ankreischen dürfen, wie ihnen beliebt. Immerhin hätten Eltern eine uneingeschränkte Verfügungsgewalt über ihre Kinder. Als Kind ist es meine Aufgabe, das Verhalten meiner Eltern bedingungslos zu akzeptieren. Meine Liebe sehen sie als Selbstverständlichkeit, als Pflicht des Kindes den Eltern gegenüber. Erfülle ich meine Pflicht ihrer Meinung nach nicht, akzeptiere ich ihr Fehlverhalten mir gegenüber nicht, eskaliert die Situation. Der fragile Familienfrieden findet ein jähes Ende.

Diskussionen gibt es an dieser Stelle nicht. Narzisstische Eltern erpressen ihre Kinder, manipulieren sie. In meinem Fall mit Geld, denn ich war als Kind, als Jugendlicher, als Student von ihrem abhängig. Seit ich es nicht mehr bin, wird mir bei unerwünschtem Verhalten mit Enterbung gedroht. Sofort, unvermittelt, gnadenlos, mit Androhung eines Gerichtsverfahrens. Ich könne keine schöne Rente in meiner Allgäuer Heimat erwarten. Es gäbe Mittel und Wege, das Testament meiner Großeltern auszuhebeln.

 

Weide mit Anhöhe und kleinem Altar

 

Zeige ich aber auch gegenüber dem so vermögenden Erbe Indifferenz, folgt die nächste Eskalationsstufe: emotionale Erpressung. Ich werde aus der Familie ausgestoßen. Ich habe keine Familie mehr. Meine narzisstischen Eltern kommen nicht zu meiner Hochzeit, werden sich nie wieder bei mir melden. Sie brechen mit mir, schmeißen mich aus dem Haus, nehmen mir die Schlüssel ab, beschimpfen mich vulgär.

Natürlich weiß ich noch alles, was meine narzisstischen Eltern so niederträchtig boshaft und absichtlich verletzend mein Leben lang zu mir gesagt haben. Natürlich weiß ich noch, wie sie mir als kleines Kind schon immer mit der Abschiebung ins Heim gedroht haben. Wie sie mich als Teenager als sozial verarmten Menschen mit einer »Figur wie ein vollgeschissener Nylonstrumpf« beschimpft haben. Und natürlich weiß ich noch, wie sie mich an Neujahr 2015 auf die gleiche Weise aus dem Haus gejagt haben, wie erst kürzlich drei Tage nach meinem 29. Geburtstag. Nachdem ich für 500 Euro 900 Kilometer einen ganzen Tag lang zu ihnen zu Besuch gefahren bin und drei Tage am Stück etwas mit ihnen unternommen habe.

Aber ich erziele keinen Gewinn dadurch, diese Dinge aufzuzählen – genauso wenig wie davon, mir die jüngsten Respektlosigkeiten, Erniedrigungen und gelogenen Vorwürfe nochmals ins Gedächtnis zu rufen. Denn für meine Eltern bin ich an ihren Vorwürfen Schuld. Sie handeln nur folgerichtig. Mache ich nicht, was sie sagen, bin ich nicht mehr das folgsame Kind wie damals mit 5 Jahren, muss ich eben zu Gehorsam gezwungen werden. Und dieser Zwang funktioniert über verbalen Missbrauch: Für meine narzisstischen Eltern bin ich einfach nur eine menschliche Verfehlung. Eine faule, geldgeile, unverschämte, emotionslose, arrogante, linksgrün versiffte, manipulative Person, bei der man permanent um »gut Wetter betteln muss«, wenn man keinen Streit vom Zaun brechen möchte.

 

Narzissmus schließt Reflexionsvermögen aus

 

Wer nun denkt, die Ironie dieser Vorwürfe sei so offensichtlich, dass sie selbst den Anklägern auffallen müsse, der irrt. Denn der Narzisst zeichnet sich durch ein fehlendes Reflexionsvermögen aus. Er denkt nicht über sich und sein Handeln nach, schon gar nicht kritisch. Er projiziert seine Fehler auf Andere – und zeigt dann abwertend mit dem Finger auf sie. Immerhin weiß das Unbewusste in ihm schon ziemlich genau, was vor sich geht und wo das eigene Ich Fauxpas begeht. Aber das Bewusstsein klammert dieses Wissen aus, spaltet es ab und pflanzt es in Andere hinein – um es überhaupt verarbeiten zu können. Der Narzisst allerdings erkennt nicht, dass er ein Narzisst ist. Er versteht nicht, dass er das Problem ist, oder dass sein Verhalten der Grund für den Rückzug seines menschlichen Umfelds von ihm ist.

Und so kommt es, dass meine Eltern, die Narzissten des medizinischen Lehrbuchs, sehr arme Menschen sind. Sie haben nichts – außer viel Geld und Dinge, die sie besitzen. Sie haben keine Freunde, keine gute Beziehung zu irgendeinem Familienmitglied. Sie haben keine Passion, keine Hobbies, keinen Grund zu leben. Sie sind innerlich leer. Sie sind einsam. Und sie legen mit jedem Tag ihrer selbstherrlichen Existenz erneut ein menschliches Armutszeugnis ab.

 

Oberstdorf mit junger Frau mit narzisstischen Eltern

 

Was kann ich gegen narzisstische Eltern tun?

 

Gehen. Den Kontakt abbrechen. Zu solchen Eltern muss man keinen Kontakt haben. Man verliert dadurch nichts. Im Gegenteil. Man gewinnt Lebensqualität. Denn merkt euch eins: Eure narzisstischen Eltern lieben euch nicht wirklich. Sie lieben nur sich selbst. Euch brennen sie nur aus. Lasst das nicht zu. Geht. Und lasst sie allein und einsam in den See stürzen und ertrinken, wie ihr Vorbild Narziss.

 

One thought on “Fragiler Frieden.

  1. Oh wow… ich mag mir gar nicht vorstellen wie das sein muss, so aufzuwachsen… Ganz viel Kraft dir. Sich Lösen und sein eigenes Leben führen ist bestimmt trotzdem kein einfacher Schritt, aber gewiss das Allerbeste.

    Liebe Grüße, Mona

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