Epizentrum

 

Es ist paradox idyllisch an diesem schicksalsträchtigen Ort. Der Himmel ist grau, die Temperaturen gefallen. Blätter werden nach und nach rot, gelb, braun und wehen von ihren Ästen. Der Fluss spiegelt den farblosen Himmel wider, alles ist herbstlich ästhetisch. Ich entscheide mich für einen blassen Kamerafilter, der die Trostlosigkeit der sich hier zugetragenen Geschichte visuell untermalt. Der A-Bomb-Dome ragt vor mir als Mahnmal einer menschlichen Tragödie empor. Ich lese sein Schicksal und das der ca. 140.000 Opfer des ersten Atombombenabwurfs der Weltgeschichte mit Beklemmung. In der Gedenkhalle der Opfer kann ich meine Tränen kaum zurückhalten. Überlebende beschreiben per Hörbuch die grausamen Szenarien des verhängnisvollen 6. August 1945, der zahlreiche Existenzen buchstäblich auslöschte. Innerhalb eines Radius von 200 Metern des Epizentrums von »Litte Boy« zerfielen die Menschen binnen eines Sekundenbruchteils vollständig zu Staub. Sie hinterließen lediglich einen Schatten dort, wo das glühende Licht der nuklearen Detonation durch ihren Körper nicht auf den Asphalt scheinen und ihn bleichen konnte. Sie hatten einfach aufgehört zu existieren, hatten kein einziges Zeugnis ihres Lebens hinterlassen. Mit ihnen starb eine ganze Welt. Eine Stadt und Tausende wurden zu Pulver, zum Opfer militärischer Willkür.

 

 

»水を! « krächzten die Überlebenden. Ihre Körper waren verkohlt, ihre Seelen verbrannt. Es dürstete sie nach Wasser, dem Elixir des Lebens, nach Leben selbst. Aber das Leben war nur den wenigsten beschieden. Sie starben. An Verbrennungen, an Verstrahlung. Und die, die fortbestanden, wurden krank, wegen ihrer Krankheit ausgegrenzt, warfen sich von Klippen oder vor Züge. Sie sahen keine Hoffnung mehr, keinen Grund zu leben. Es gab nichts für sie. Keine Familie, kein Wasser, keine Sonne. Nur Schatten, Wolken, Fallout und die roten Punkte auf ihrer Haut, die später einmal Strahlenkrankheit heißen sollten. Hiroshima ist heutzutage frei von nuklearer Belastung, ein zauberhaft schöner Wohnort für über 1,3 Millionen Menschen, mit interessanten Shoppingstraßen, modernen Hochhäusern und wesentlich günstigeren Mieten als Tokio. Kaum etwas erinnert noch an die Tragödie der Vergangenheit; abgesehen vom A-Bomb-Dome wurde Hiroshima vollkommen erneuert. Umso bedeutender ist dieser steinerne Zeuge der Geschichte. Er ist kaputt, wie das Innerste der Menschen, die an jenem 6. August durch das gleißende Licht der nuklearen Reaktion die Knochen ihrer Finger durch ihre Haut und ihr Fleisch sahen. Er ist still, doch er schreit und weint und keucht und hyperventiliert. Er ist stumm, doch er spricht tausende Worte. Worte, die niemals vergessen werden dürfen. Hiroshima ist wunderschön, doch die Stadt kann nicht ohne die Atombombe erlebt werden. Sie ist ein Mahnmal und ein Hoffnungsträger zugleich. Für eine Welt ohne atomare Waffen, für globalen Frieden, für Menschlichkeit. Denn genau an dieser Stelle hat die Menschlichkeit einst vollkommen versagt, ihre finsterste Stunde erlebt. Und es obliegt uns, dass so eine Katastrophe niemals eine Wiederholung finden möge.

3 thoughts on “Epizentrum

  1. Sehr schön geschrieben. Man kann sich nur schwer vorstellen, wie das damals abgelaufen sein musste und ich hoffe nach wie vor, dass soetwas niemals wieder passiert. Dass dort ein Mahnmal steht, finde ich sehr wichtig. Solche Geschichten darf man nicht vergessen.

    Liebe Grüße,
    Isa

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