En route.

Flugzeug, Bus, Zug, Schiff, Tramping. Auf meiner Reise quer durch Japan nutze ich jedes erdenkliche Verkehrsmittel, möglichst günstig und indifferent ob der Reisezeit. Ein Rucksack und eine Reisetasche; mehr trage ich nicht bei mir. Sieben Wochen lang lebe ich als Digital Nomad, als moderner Reisender, immer nur aus dem Koffer und doch irgendwie überall ein bisschen zu Hause. Japan zeigt mir unendlich viele Gesichter, dennoch empfinde ich keines als unbekannt. Ich bin so sehr an diese Kultur adaptiert, weiß so viel mehr als jeder Tourist, erkunde versteckte Paradise als wären sie meine Heimat.

 So nah, dabei so fern

Meine offizielle Heimat Tokio habe ich vor fast zwei Wochen verlassen. Der Übergang zum Nomadenleben war sanft. Meine erste Station, Osaka, ein Tokio im Kleinformat; weniger Menschen, weniger Wolkenkratzer, insgesamt weniger von der Zivilisation eingenommene Fläche, dafür mit blauen Bergen im nahen, unscharfen Hintergrund. Unterschlupf fand ich bei einem Freund, der kürzlich von Tokio nach Umeda, Osakas zentralsten Stadtteil, gezogen war. Von dort aus fand ich mich schnell im Gewirr der fremden Metropole zurecht, jagte mit meiner Kamera ein spektakuläres Foto nach dem anderen und war wenig erstaunt darüber, dass es in Osaka an nichts mangelt, was man nur in Tokio vermuten würde. Mein besonderes Augenmerk galt Dotombori und Nipponbashi — Areale, die vergleichsweise groß sind und das in sich pressen, was in Tokio verteilt in Shinjuku, Shibuya, Harajuku, Ueno und Kichijoji ein bisschen kleiner, dafür öfter vorzufinden ist. Shopping- und Essensangebote reihen sich bunt und laut aneinander, Marktschreier bieten feinste Waren feil, unzählige Takoyaki-Stände locken mit verführerischen Düften. Osakas Spezialitäten Okonomiyaki und Takoyaki esse ich öfter als einmal, genieße sie in verschiedenen Varianten und mit Mut zum Unbekannten.

Kultureller Reichtum, armselige Touristen

Aber nicht nur Osakas Amüsierviertel zieht mich und Menschen aus aller Welt in seinen Bann. Auch die kulturelle Vielfalt, allen voran die prächtigen Bauwerke und das märchenhafte Schloss, fungieren als Touristenmagneten. An diesen Orten lerne ich sehr schnell verstehen, warum Japaner Chinesen in ihrem Land nicht gern willkommen heißen. Kansai scheint ein präferiertes Ziel wohlhabender Menschen aus Hong Kong und Shanghai zu sein. In Osaka, in Nara, in Kyoto — ich höre nur noch chinesisch, selbst Verkäuferinnen sprechen nicht mehr japanisch. Japanisch, diese fließende Sprache, die sanft und äußerst leise gesprochen wird, wird von dem lauten Krächzen des Chinesischen abgelöst. Diese unfassbar missklingende Mundart wird von ihren Sprechern geradezu geschrieen, stört Japaner und alle, die an den niedrigen Lautstärkepegel der hiesigen Gesellschaft gewöhnt sind. Müll türmt sich in den Straßenrinnen, achtlos weggeworfen und nicht recyclingfähig getrennt, wie es Japaner minutiös tun. Nippons Wege sind für gewöhnlich wie geleckt, alle nehmen ihren Abfall mit nach Hause, niemand verdreckt damit die Umwelt – außer eben die Chinesen hier. Sie schieben und drücken sich ohne Bedacht auf andere durch die Menge, die kleinsten von ihnen meist am aggressivsten. Keine sanfte Berührung nach einem vorausgegangenen すみません und einer zarten Verbeugung, nein, Ellbogen raus und gut. Also gut, auch mein Ellbogen wandert nach außen und trifft die kleingewachsenen Asiaten an harten Stellen in Kopfregion und nicht wie ihre mich in meinen Weichteilen. Rücksicht auf die Umgebung ist keine Eigenschaft der chinesischen Kultur, im Gegensatz zu deren bedingungsloser Priorisierung im japanischen Gesellschaftsvertrag. Reibungspunkte sind hier wohl unvermeidbar. Viel bleibt dem ruhigen Touristen, der die Stadt in Stille und für sich genießen will, nicht übrig. Außer die touristischen Hotspots zu verlassen und in kleine Seitenstraßen einzubiegen. Ist ohnehin viel interessanter als die auf den präferierten Konsum reicher Hong Konger zurechtgestutzten Shoppingstraßen.

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