Die Grenzen des Gelds

Sein Anzug ist faltenfrei. Tiefschwarz, aus edlem Kaschmir und feinster Seide. In der linken Hand hält er die Zigarre, die er ungeschickt und furchtbar nass pafft, in der rechten das Champagnerglas, das für die Gesamtatmosphäre des Etablissements und den Preis des Getränks irgendwie zu billig aussieht. Er ist erfolgreich, kultiviert. Und das, was seinem Anzug an Falten fehlt, holt er mit seinem Gesicht problemlos auf. In knappen 90 Minuten gibt er für ein bisschen Schaumwein und Whisky-Soda mehr Geld aus als ich für zwei Monatsmieten. Mir steckt er ein paar hundert Euro Trinkgeld zu und lächelt süffisant. Dabei ist er einer der pflegeleichtesten Kunden. Er ist mit ein bisschen englischer Konversation und meinem Mix aus Whisky und stillem Mineralwasser sehr zufrieden. Wir unterhalten uns nett, er spendiert mir trotz Arbeit hinter der Bar ein Glas Rotwein. Leider bildet er mit seiner höflichen und gebildeten Attitüde eine Ausnahme in der Tokioter High Society. Ich habe mich zuvor nie in Kreisen der Reichen und weniger Schönen bewegt, jedoch bin ich jetzt durch eine Reihe unvorhergesehener Ereignisse in einen Job geschlittert, in dem sich meine Kundschaft Millionäre nennen können. In eine Welt, in der Geld keine Rolle mehr spielt. Irgendwie träumen wir alle davon. Von dieser Sorgenfreiheit, von dieser Sicherheit, von diesem Luxus, von den unzähligen Möglichkeiten, die einem das Leben bietet, wenn das Portemonnaie nur groß genug ist. Aber die Schattenseiten… an die denken wir dabei nicht.

 

»I am a rich bitch, I’m the upper class

 

Wieder mal spaziert Bam Bam in die Bar. Wir alle nennen ihn so, weil wir ihm am liebsten permanent in seine Fresse schlagen würden. Zu rau für euren Geschmack? Bam Bam toppt das leicht. Anstatt sich auf die Stimmgewalt und Entertainmentkünste unseres Jazz-Pianisten zu konzentrieren, betritt er den Raum und meint, sofort durch das gesamte Etablissement schreien zu müssen, wie fett der Musiker doch sei. Dabei hat er selbst einen Bierbauch ungeheuerlichen Maßes, manch künftige Zwillingsmutter im 8. Monat kann da nicht mit ihm mithalten. Mir empfiehlt er auch permanent, keinen Wein mehr zu trinken, sonst würden meine fetten Titten nur noch fetter werden. Meine Kollegin solle weniger koksen, dann würden ihre hässlichen Zähne besser und Männer würden wieder in Betracht ziehen sie zu bumsen. Meine brasilianische Mitstreiterin darf sich einen Vortrag darüber anhören, wie dick die Ärsche brasilianischer Prostituierter seien. Mit diesem Verhalten ist dieser abscheuliche Mann kein Einzelfall, im Gegenteil. Bam Bam ist der Archetypus des armen reichen Mannes, der denkt, mit Geld könne er alles kaufen. Und leider zeigt ihm die Gesellschaft oft genug genau das. Denn er darf uns beleidigen, wie er will, wir sind die Dienstleister, er der Kunde, der König. Er tatscht meine potenziell koksende Kollegin mit den ach so hässlichen Zähnen an, greift ihr unter den Rock, sie lässt ihn gewähren. Ist immerhin ihr Job. Nicken, lächeln, Schampus nachgießen. Ich dachte anfangs, diese Art der Autoritätshörigkeit – und Geld bedeutet Autorität – und überbordender Kundenfreundlichkeit sei lediglich für die japanische Kultur charakterisierend. Aber je länger ich über jene Strukturen nachdachte, desto mehr wurde mir bewusst, dass dieses System überall auf der Welt Anwendung findet. Hat man genug Geld, ist man irgendwann nur noch von Ja-Sagern umgeben. Manche von ihnen mögen Angst vor den Konsequenzen des Neins haben, die meisten jedoch handeln schlicht opportunistisch und kalkulativ und denken, durch Speichelleckerei könnten sie ein kleines Stück vom großen Kuchen abbekommen. Und dann gibt es noch jene, deren Sadismus ebenso nach einem Ventil bedarf wie der des Despoten und ihn deswegen schon fast verehrend unterstützen. Gleich und gleich gesellt sich immerhin gern.

 

»P  ecunia non olet

Prätentiös wie Sadismus ist, verschachert er alles, was ihm in die Finger gerät: Emotionen, Energie, Lebenslust. Den Körper, die Psyche und die Seele gleichermaßen. Und viel Geld scheint oft mit ihm Hand in Hand zu gehen. Mag ein Machtkomplex sein. Wer einmal in den Genuss der vollen Macht gekommen ist, will sie bekanntlich nicht mehr missen. Dann fangen auch die edelsten Gemüter an, zum unangefochtenen Souverän zu werden. Kennen wir von Caesar.  Der wollte die Republik immerhin auch erst mal retten, hat seine Krone dann aber doch nie wieder hergegeben und genug Menschen versklavt oder gar das Leben genommen. Sowas gibt’s heute nicht mehr? Von wegen. Erinnern wir uns an das Belgien der 1990er und Marc Dutroux, der zwar als Mörder und Vergewaltiger verurteilt wurde, dessen Machenschaften aber weit über die Befriedigung seines eigenen dominanzgetriebenen sexuellen Verlangens hinausgingen. Pfiffige Journalisten deckten ein europaweites Netzwerk an Kindesentführungen, -misshandlungen und -tötungen auf. Angeblich – oder eher zweifelsfrei – zogen sich die Täterkreise jenes Netzwerks bis in adelige Höhen. Und was passierte? Nichts. Zeugen starben ganz plötzlich und zufällig vor Prozessbeginn, die Polizei verschlampte oder ignorierte Beweise. Das Netzwerk; es schützte sich. Die Mitglieder, die Reichen, die Mächtigen, schützen sich gegenseitig. Mit genug Geld erkaufen sie sich die Freiheit. Die Freiheit, quasi alles zu tun, nach was ihnen der perverse Sinn steht. Ich erlebe es an fünf Abenden der Woche mit, im kleinen Rahmen. Ich erlebe mit, wie sich reiche Männer Spaß kaufen. Bei uns in Form von Champagner, an anderen Stellen in Form von Zwangsprostitution. Besonders beliebt sind in Japan illegal lebende Filipinos und Thais. Wie es im Reich der aufgehenden Sonne mit Kinderpornografie und -misshandlung aussieht, weiß ich nicht und will ich auch gar nicht erst wissen. In einem Land, in dem die Smartphone-Kamera selbst im Silent-Mode noch ihren Verschlusston behält, weil japanische Männer blutjungen Schulmädchen sonst im Zug heimlich unter den Rock fotografieren, scheint mir nichts unmöglich. Und wenn diese Männer dann auch noch genug Geld mitbringen, sind ihnen schier keine Grenzen mehr gesetzt. Denn das Geld schützt sie, vor Justiz und Staat. Und wenn es nicht allein das Geld tut, dann die Freunde, die sie sich mit eben jenem kaufen, nennen wir sie mal Yakuza. Die Yakuza handelt da ganz pragmatisch in alt-römischer Tradition: Geld stinkt nicht.

 

»D er kleine Schimmer Hoffnung

Neben Kotzbrocken wie Bam Bam, manipulativen Lügnern, die auf arme Unschuldslämmer machen, und Teeniegirl-geilen Lollicons, gibt es natürlich auch nette reiche Herren. Anständige. Wie den kultivierten Herren im schwarzen Kaschmir-Seiden-Anzug, der nichts anderes möchte, als mit mir über europäische Geschichte zu sprechen, dabei ’n bisschen Dom Perignon zu schlürfen und mir anschließend Geld in die Hand zu drücken, weil ich doch so ein hübsches, junges Ding mit vielen Träumen aber leeren Hosentaschen bin. Das Schönste an der ganzen Sache ist aber nicht sein Trinkgeld oder die Illusion vom bettelarmen Barmädchen, die ich ihm so erfolgreich und egostreichelnd verkaufe. Nein, das Schönste an dem Job ist, dass ich mir jeden Tag wieder auf’s Neue anschauen kann, was diese ganzen Millionäre trotz ihres Haufen Gelds niemals im Stande sein werden zu kaufen: Intelligenz, Charakter, gute Manieren, Humor, Liebe – und vor allem: Respekt. Den verdient man sich nämlich nur durch seinen Charakter. Und wenn er fehlt, bringt einem auch das ganze Geld nichts.

8 thoughts on “Die Grenzen des Gelds

  1. Also erstmal großes Kompliment. Dein Text ist wirklich toll geschrieben und war sehr spannend zu lesen.
    Nach meinem Aufenthalt in Asien kann ich mir dieses Szenen richtig gut vorstellen. Ich finde Typen, die so drauf sind einfach nur widerlich. Dieser Verlust an moralischen Grundsätzen und Höflichkeiten aufgrund von Reichtum macht mir Angst. Gerade in Asien muss man das Gefühl haben, diesen Menschen gegenüber alle Rechte zu verlieren, wenn Justiz dort noch vom Geld abhängig ist.

    Liebe Grüße,
    Carmen

  2. Wirklich großartiger Bericht, ich finde es sehr spannend, was du dort berichtest und mir eine Welt zeigst, die extrem fremd ist. Geld ist für mich nur ein Mittel zum Zweck, nicht mehr. Und ich möchte lieber mit Airbnb und selbst kochen die Welt entdecken, statt mich mit Statussymbolen und Mehr-Mehr-Mehr-Druck mein Leben selbst unnötig zu beengen.

    Habe ein schönes Wochenende
    Bettina von aufgerouget.de

  3. Wow richtig richtig gut geschrieben!!!
    Das liest sich echt so gut runter und du hast das mega gut beschrieben alles!
    Liebst, Sarah von Belle Mélange

  4. Wow, Ich liebe deinen Schreibstil! Als ich anfing den Artikel zu lesen, dachte ich mir erst „Erzählt sie wirklich aus ihrem Leben oder ist das ein fiktives Geschehen?“ Umso krasser dass das wirklich alles so passiert ist! Besonders das Verhalten von „Bam Bam“ finde ich erschreckend und auch die Sache mit dem Kameraton. Aber man sagt ja nicht umsonst, dass Geld den Charakter verdirbt.

  5. Oh man, unfassbar was du da erzählst. Liest sich wie ein Roman und mir war während des Lesens auch gar nicht immer bewusst, ob das nun Fiktion oder Realität ist.

    Wirklich spannend, wenn auch traurig!

    Liebe Grüße,
    Kiamisu

  6. Du schreibst so gut und fesselnd, man taucht wirklich komplett in die Welt deines Berichts ab. Sehr spannend und gut auf den Punkt gebracht. Die wirklich wichtigen Dinge lassen sich eben mit Geld nicht kaufen.
    Liebe Grüße, Mona

  7. Absolut großartig! Ich konnte sehen wie sich vor meinem Inneren Auge die Bilder zu einem Film abspielten.
    Wirklich toll geschrieben. 🙂

    Liebst,
    Any

  8. Wow, einfach nur mitreißend und megaemotional geschrieben.
    Wirft ja leider kein gutes Bild auf Tokio, aber ich denke mal Geld regiert die Welt fast überall.
    Liebe Grüße
    Sassi

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