Der erweiterte Horizont

Miyajima im Morgengrauen

 

Ich stehe auf einem schwankenden Schiff. Es ist früh, gerade einmal kurz nach sieben. Vor mir liegt der silbern glänzende Ozean. An seinem Ende die nebelverhangene, in zart goldenen Sonnenschein getränkte Insel. Neben mir steht eine Gruppe japanischer Schulkinder. Sie alle starren mich gefesselt an. Denn ich bin weiß. Ich bin anders als sie. Ein Junge fasst sich ein Herz und winkt mir. Ich winke zurück, »こんにちは!« (Konnichiwa / Hallo). Erstaunt schaut mich das Kind an. »え! 日本人ですか?« Die Worte des Kindes sprechen Bände. Denn es fragt mich, ob ich Japanerin sei.

Der Verstand des 12-jährigen Kōtaru wurde noch nicht von anerzogenen Mustern der Nationalität oder Ethnie beeinflusst. Er hat sich seine kindliche Neugier beibehalten, denkt noch nicht einmal daran, Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe oder sonstiger optischer Merkmale zu klassifizieren. Ich spreche seine Muttersprache, also gehöre ich wohl zu seinem Volk. Für ihn ist das ganz logisch. Seine Begeisterung für mich reißt aber auch nicht ab, als ich ihm sage, dass ich das nicht tue, sondern einfach nur in Tokio lebe und Japanisch sprechen kann. Er will genau wissen, wo Deutschland ist und ob ich sein Kanji lesen kann. Er ist beeindruckt von meiner Sprachkenntnis und meinem Interesse an seinem Heimatland. Für ihn reicht das, um mich kurzerhand zu einer Japanerin zu machen. Nachdem wir an Land gehen, rennt er euphorisch zu seiner Lehrerin und erzählt ihr lautstark von der Deutschen, die in Tokio lebt und mit ihm japanisch gesprochen hat. Die Lehrerin dreht sich zu mir um, verbeugt sich tief und bittet mich um Entschuldigung, dass mich der Junge in meiner Privatsphäre gestört hätte. Und genau damit werden dem Kind die wirklich schlimmen Flusen in den Kopf gesetzt.

 

Insel Miyajima bei Hiroshima

Der blinde Fleck

 

Gespräche frei von sozialen Restriktionen, ehrliches Interesse für das Leben jenseits der eigenen Landesgrenzen und der Wille, andere Kulturen wirklich verstehen zu wollen – all das soll Kōtaru nicht dürfen, weil er doch nicht so einfach mit jemandem sprechen soll. Aber das die Anerziehung der gedanklichen Scheuklappen ein Fehler im System ist, sieht keiner. Das geht nicht nur der stark homogenen japanischen Gesellschaft so, das passiert auch in heterogenen Nationen wie Deutschland. Wo Gesellschaften zu pluralistisch werden, können sie anscheinend keine Gemeinschaft mehr sein. Je diffiziler die individuellen Lebensentwürfe sind, je facettenreicher subjektive Freiheiten von Gesetzen untermauert werden, desto stärker zeigt sich der Wunsch nach Abgrenzung eines Wir von den Anderen. Da schreien die Massen, wir wären zu tolerant, zu humanitär – und damit auch zu schwach. Dann werden Rufe nach einem starken Mann laut, der ein abstraktes Gleichgewicht wiederherstellen soll. Die Welt scheint ins postamerikanische Zeitalter vorzurücken, die Ära der anti-globalen Autokratien wird langsam wiederbelebt. Und ich verstehe, warum.

Mit dem Leben im Ausland gehen Erfahrungen einher, die die eigene kulturelle Sozialisation infrage stellen, aber auch die Stärken des Heimatlandes implizit unterstreichen. Wer seine diesseitige Existenz immer nur als Tourist ein oder zwei Wochen in Clubhotels oder an abgekapselt bewachten Strandabschnitten verbringt, bleibt in seiner kleinen Blase der subjektiven Empirie. Wer dagegen tief in eine andere Kultur eintaucht, in ihr lebt, arbeitet, Freunde findet und sich mit dem Steuergesetz auseinandersetzen muss, erweitert seinen Horizont mehrdimensional. Genau das habe ich in Japan getan. Und zum ersten Mal habe ich ein konkretes Verständnis für jene Identitätslosen entwickelt, die irgendwo zwischen Fremd- und Eigenethnisierung in einer Gesellschaft leben, die sie nicht als Teil ihrer Gemeinschaft akzeptieren kann. Genau jenes Verständnis fehlt denen, die in ihrer Gesellschaft nach Struktur, Recht und Ordnung und dem starken Autokraten rufen.

 

Miyajima und das große Oo-Torii

Der weise Mann

 

Denn sie wissen einfach nicht, wie es ist, in einem Land, das man so sehr liebt, in dem man sich so sehr zuhause fühlt, nicht dazu zu gehören. Sie kennen die Gefühle nicht, die in einem hochkochen, wenn man nur aufgrund seiner Hautfarbe an der Tür eines Restaurants mit den Worten »solche Menschen wolle man dort nicht« abgewiesen wird. Sie können nicht nachvollziehen, wie sehr schnelle Vorurteile wegen des andersartigen Aussehens weh tun können. Und sie haben keine Ahnung davon, wie schwer es der eigenen Identität fällt, sich zu entwickeln, wenn man nirgendwo das Gefühl von Heimat bekommt. Wenn man überall immer nur »der Andere« ist. Und wie soll jemand, der immer nur der schwammigen Mehrheit angehört, wirklich wissen, wie es dem konkreten Individuum der Minderheit geht?

Ja, ich verstehe, dass Menschen gerne dumm bleiben und nicht über ihren beschränkten Horizont hinaus denken wollen. Damit wäre immerhin Denkarbeit verbunden – und das mögen viele eben nicht. Ich verstehe auch, dass suggerierende Worte eine Anziehungskraft auf sie auswirken und sie den einfachen Antworten auf komplexe Fragen eher wohl geneigt sind als den schwierigen. Aber ich verurteile es eben trotzdem. Vielleicht auch umso stärker, weil ich selbst von dieser Art der Ablehnung betroffen war. Und ehrlich gesagt wünsche ich jedem einzelnen von diesen Stammtisch-Parolen-Brüllern genau meine bitteren Erfahrungen. In der Hoffnung, dass ihnen ein Licht aufgeht… und dass ihnen ein Kind zeigt, wie sie alle denken sollten. Vielleicht erkennen sie ja dann auch, was Ludwig Börne schon im 18. Jahrhundert wusste: Auf einem schwankenden Schiff fällt um, wer still steht, wer sich nicht bewegt.

3 thoughts on “Der erweiterte Horizont

  1. Was für ein schöner Post. Der ist so toll geschrieben und ich finde es klasse, dass du in Tokio wohnst und auch die Sprache sprichst! Ich bin begeistert und schaue mich auf deinem Blog etwas um. ♥

    Liebe Grüße ♥

  2. Ich liebe es, tiefgründige Texte zu lesen. Vor allem dort, wo man sie am wenigsten erwartet. Auf Blogs. Aber ist das nicht wieder eine Art Eingrenzung? Ich bin kein Fan von Etikettierungen jeglicher Art, Stigmatisierung. Dennoch ist man irgendwie immer in diesem Denkmuster gefangen oder findet sich darin wieder. Das ist der Mensch. Er kategorisiert gern. Er macht sich seine Muster. Gesellschaftliche Normen und Zwänge sind auch irgendwie eine Art Kategorisierung. Kultur ist eine Kategorisierung. Sie ordnet die Welt, aber sie kann ihr auch schaden. Ich seh es wie du – Kinder sind noch so unschuldig und gehen mit so viel offenerem Blick durch die Welt, bis sie dazu gedrängt werden, ebenso in Mustern zu denken. Als älterer Mensch sollte man sich an ihnen ein Beispiel nehmen, und aus Denkmustern ausbrechen. Es macht die Welt bunter. Pluralistischer.

    Danke für deinen Beitrag (und die schönen Bilder).

    Liebe Grüße
    Dahi Tamara von Strangeness and Charms
    Von Steinen, die einen tragen & den Steinen, die man tragen muss.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.