Auf Abwegen

Rote Wand mit roten Papierlampen in Taiwan

»Is this your suitcase? Cutie pink!« Während er mir diese stereotype Frage halb schmunzelnd an den Kopf wirft, greift er mit seinen schmierigen Händen um meine Schultern. Es ist 10 Uhr morgens, die Luft feucht und heiß, meine Jacke zu dick. Er riecht nach zu viel Alkohol und zu wenig Hygiene, seine blutunterlaufenen Augen zeugen von einer zu kurzen Nacht mit zu wilden Exzessen.

Er ist von Seoul angereist, ich von Tokio. Getroffen haben wir uns in Taipei. Seiner Wahlheimat. Er ist ein bisschen flapsiger als ich ihn in Erinnerung habe. Schon bei seinem ersten Besuch in der Bar wusste ich, zu welchem Schlag Mensch er gehört. Ein kleiner, japanischer Mann mit einem großen Ego, das nie hält, was seine Worte vorab versprechen. Aber zumindest hat er Wort gehalten, als er mir versicherte, mir in Taiwan ein Dach über dem Kopf zu bieten.

Mein Koffer ist nicht pink. Er ist schwarz. So wie meine Jacke – und meine Seele. Der Chauvinist merkt das sehr schnell, er bezeichnet mich als »Rockgirl« und bietet mir an, mein nicht einmal 10 Kilogramm schweres Gepäck zu tragen. »大丈夫、小さな人…« Ich mache dem 1,66 großen Kerl klar, dass ich kein japanisches かわいい-Mäuschen bin, sondern ein Kosmopolit, der sich auch vor dunklen Straßen und harten Worten nicht in Acht nimmt.

Er zahlt das Taxi, verständigt sich leicht prahlerisch mit dem Fahrer auf Mandarin und versucht, den Touri-Guide zu spielen. Als er merkt, dass ich auf die Leier nicht mit dem gewöhnlichen »すごい!« anspringe, ist er mittelmäßig enttäuscht. Wir fahren in Taipeis High-Class-Viertel, er wohnt in einem Penthouse im 14. Stock, genau zwischen dem satten Grün der malerischen Berge und den bunten Lichtern der Millionenstadt. Die Aussicht vom Balkon ist phänomenal und die nächste U-Haltestelle nur einen Steinwurf entfernt. Ich habe das große Los gezogen. Irgendwie.

Taipeh: Foto Collage

 

Die trügerische Ruhe

 

Der Rahmen, in dem wir uns einst kennen gelernt hatten, war exklusiv. Und voller Erwartungshaltungen. Reiche Männer mittleren oder fortgeschrittenen Alters erwarteten unterwürfigen Service von hübschen europäischen Frauen. Die Frauen dagegen erwarteten Champagner, Geschenke und großzügige Trinkgelder. Eine skurrile Beziehung, in der niemand wusste, wer wen ausnutzt und wer letzten Endes am längeren Hebel sitzt.

In diesem hermetisch abgeriegelten Raum fiel er mir durch sein gutes Englisch und seine Offenheit gegenüber Tattoos und Piercings auf. Wir blieben virtuell in Kontakt, ab und an meldete er sich und fragte, was ich gerade täte. Als ich ihm – tatsächlich ohne jegliche Hintergedanken – von meinen Reiseplänen erzählte, bot er mir sofort an, sein Gast zu werden. Und da ich mein Geld in Taipei lieber in leckeres Essen investieren wollte, kam mir eine Unterkunft für lau gerade recht. Dass ihm aber nicht klar war, dass wir uns nicht mehr in dem Vakuum einer Tokioter Girls Bar befanden, war mir nicht klar.

Allerdings ist er vielbeschäftigt. Und natürlich wahnsinnig beliebt. Noch verkatert und übermüdet gesellt er sich zu seinen Freunden auf den Golfplatz. Nachdem ich seine Einladung auf eine Partie prädestinierten Reichensports ausgeschlagen habe, drückt er mir eine Karte über etwa 100 Euro für die öffentlichen Verkehrsmittel in die Hand und entlässt mich in den Betondschungel.

Ich verbringe meine Tage also ohne ihn, treffe ihn maximal abends. Wenn er nach Hause kommt, dreht er den Fernseher so laut auf als wäre er schwerhörig. Er lässt ihn fast die ganze Nacht dröhnen und schläft dabei in einer Dunstwolke aus Sake und billigen Zigaretten ein.

Am zweiten Abend lädt er mich zum Essen mit seinen Freunden ein. Eine Gruppe älterer Herren, mit der ihn Geschäfte und unzählige Trinkgelage verbinden. Sie führen uns in eine Seitengasse, in einen Hinterhof, in ein intimes Restaurant, in dem jeder mit der Besitzerin perdu ist. Ich werde wie eine Prinzessin hofiert, man reicht mir Speisen und – vorwiegend alkoholische – Getränke in rauen Massen.

Er zahlt mir das Taxi nach Hause, die Nacht verbringt er selbst wo anders, schickt aber ein Hausmädchen vorbei, das mir am nächsten Morgen Frühstück zubereitet und meinen liebsten japanischen Tee, 爽健美茶 (Sōkenbicha), im Gepäck hat. Aber der Schein trügt, im südostasiatischen Paradies wartet bereits der Taifun.

Werbung mit Katze für Ramen

 

Der stumme Abschied

 

An meinem letzten Tag in Taipei möchte er mich ausführen. Nur wir zwei, ganz intim. Er leitet mich in hell erleuchteten, nächtlichen Straßen in ein japanisches  居酒屋 (Izakaya / japanischer Bar-Bistro-Mix), mit japanischer Bedienung, japanischer Karte, japanischer Küche. Unsere Unterhaltungen verstummen schnell, er schmollt.

Kurz zuvor hatte er in seiner Wohnung mein Tattoo am Oberschenkel erblickt. Daraufhin hielt er es für nötig mir zu sagen, wie heiß ihn Tattoos und Piercings machen, sie symbolisierten Wildheit und sexuelle Grenzüberschreitung. Ein sehr klares Signal, fast schon schmerzerregend plump.

Ich druckse nicht lange herum und sage ihm, dass mein Freund ziemlich stark von meiner horizontalen Ausgelassenheit profitiert. »Boyfriend.« Ein K.O.-Wort für japanische Männer, wirksam wie Liquid Ecstacy. Wie auf Knopfdruck fallen seine Mundwinkel herunter, das mindererotische Lächeln verschwindet. Er kann seiner Frustration keinen Einhalt gebieten, sein Gesichtsausdruck sagt mehr als ihm wahrscheinlich lieb ist. Seine Antworten fallen entsprechend im Stakkato aus, der Ton rau und trotzig.

Strasse in Taipeh am Abend

Im Restaurant blöckt er mich an, die Bedienung lugt verwundert zu uns. Er bestellt seinen üblichen Sake, bereits mit Schild inklusive seines Namens am Flaschenhals vermerkt, und gießt sich ein Gläschen nach dem anderen ein. Seine Enttäuschung über die trocken bleibende Nacht wird noch größer, als er vor mir nicht den Helden spielen kann, da ich selbst im Stande bin die japanische Karte zu lesen.

Er bezahlt anständig mein Essen, lehnt alle Angebote meinerseits ab, selbst für meinen Verzehr aufzukommen und weist mir mit zwei kurzen Sätzen den Weg zur U-Bahn. Ich würde den Weg zum Apartment schon finden. Als ich am nächsten Morgen abreise, würde ich mich gerne verabschieden. Er ist nicht da. Ich hinterlasse ihm eine digitale Nachricht. Bis heute habe ich noch keine Antwort darauf erhalten. Taipei war trotzdem nett.

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