マタハラ | Matahara

マタハラ (Matahara) gehört zu dieser Art gesellschaftlicher Phänomene, die man sich eigentlich gar nicht vorstellen kann. Weil einfach nicht sein kann, was nicht sein darf. Und was sich nicht gehört. In einer Kultur wie der japanischen wird immerhin größter Wert auf Rücksicht, Edelmut und Menschlichkeit gelegt. Die japanische Ästhetik zeigt sich in philosophischen Überlegungen, bildenden Künsten und sozialen Standards immerhin überaus filigran, feinfühlend und feminin. Dass dann aber gerade Frauen in einem so entsetzlichen Ausmaß diskriminiert, drangsaliert und diffamiert werden, ist nur einer von vielen Aspekten, der die Ambivalenz der zeitgenössischen japanischen Moral und nationalen Identität zum Vorschein bringt.

Matahara leitet sich von zwei englischen Begriffen ab: Maternity und Harassment. Für mich ist und bleibt es unbegreiflich, wie eine Frau, die im Begriff ist Leben zu schenken, bedrängt werden kann. Eine Frau, die mit ihrem Körper für den Fortbestand unser Spezies sorgt, die ein völlig hilfloses Wesen in sich trägt, die den Weg in die Zukunft symbolisiert, die eigentlich den größten Schutz von allen zugesprochen bekommen sollte. Natürlich wird die eigentlich freudige Botschaft einer Schwangerschaft auch von vielen deutschen Personalern eher ekelerregend aufgenommen: ökonomisch. Das heißt nichts anderes als »nicht menschlich«. Und langfristig auch noch extrem dumm. Demografiewandel ist kein Problem, dass unsere Wirtschaft auf die leichte Schulter nehmen sollte. Wir brauchen Kinder, die künftigen Arbeitskräfte; und das nicht zu wenig. Bei den Japanern sieht die Sache sogar noch extremer aus. In keiner anderen Industrienation der Welt ist der Bevölkerungsrückgang — und damit auch der Rückgang der Arbeitsfähigen — drastischer. Dennoch ist eine Schwangerschaft hier alles andere als ein Zuckerschlecken. Die Kosten für die Geburt müssen selbst getragen werden, der gesetzliche Mutterschutz wird konsequent ignoriert. Und noch schlimmer: Frauen werden unter Druck gesetzt. Weil eine gute Mutter nicht arbeitet.

Heimchen am Herd

Die japanische Mutter hat sich Vollzeit um ihr Kind zu kümmern. Und um den Haushalt. Sie hat nicht zu arbeiten. Wenn sie es tut, ist sie gierig, karrieregeil, eine Rabenmutter. Das bekommen die Schwangeren nicht nur subtil zu spüren, sie bekommen es von ihren Kollegen direkt gesagt. Hier endet die gesellschaftliche Konstante der japanischen Diskretion. Wenn eine Frau ihrem Chef und ihren Kollegen von ihrer Schwangerschaft erzählt, bedeutet das häufig einen Freifahrtschein, die Dame als »gierige Schlampe« oder »faule Nichtstuerin« zu bezeichnen. Und Faulheit ist mitunter das Schlimmste, das man Japanern gemeinhin vorwerfen kann. Die schwangere Frau verursache Probleme in der Firma, Mehrarbeit für ihre Kollegen. Fürsorge? Fehlanzeige. Demütigung ist angesagt. Und die kommt nicht nur von Kollegen in Form unmenschlicher Seitenhiebe, sondern auch als Diskriminierung vom Chef.

Kind oder Karriere

Sucht eine Schwangere Rat bei ihrem Vorgesetzten, bekommt sie meist drei Auswahlmöglichkeiten gestellt: gefeuert werden, freiwillig gehen oder abtreiben. Manche Chefs zwingen ihre Angestellten förmlich zur Abtreibung: »We’re busy, get an abortion!« Hört sich wie ein trauriger Witz an, ist es aber leider nicht. In Japan ist das die harte Realität. Das so modern erscheinende Land der knallbunten Anime ist gesellschaftlich auf dem Stand der BRD der 1960er. Kind und Karriere sind nicht vereinbar, die gute Frau kündigt schon beim Eintritt in die Ehe und kümmert sich nur noch um eine saubere Wohnung und ein leckeres Essen, das serviert wird wenn der Mann von seinem langen Arbeitstag nach Hause kommt. Manchmal wird sie auch einfach präventiv gekündigt, heiraten heißt ja immerhin auch, dass sofort ein Kind folgen muss.

Hilfe kommt von außen

Matahara ist leider keine Seltenheit, sondern der erschreckende Regelfall. Arbeitende Frauen in Japan haben es auch 2017 immer noch nicht leicht. Hilfe in den eigenen Reihen des Unternehmens finden sie kaum. Dafür kommt die aber von außen. 2014 gründete Sayaka Osakabe http://www.mataharanet.org — eine Organisation, die sich für die Gleichberechtigung von Mann und Frau am Arbeitsplatz einsetzt und hilfesuchenden Schwangeren im Falle von Diskriminierung beisteht. Sayaka selbst erlitt durch die hohe psychische und physische Belastung, die ihr Chef ihr nach Verkündung ihrer Schwangerschaft auferlegte, zwei Fehlgeburten. Als er sie im Nachhinein fragte, ob sie und ihr Mann noch weiterhin Sex hätten und so das Wohl der Firma gefährdeten, zog sie vor Gericht — und gewann. Das mediale Echo war enorm, auch die Politik fand Gefallen an diesem imagepolierenden Thema. Premierminister Abe schreibt es sich mittlerweile auch gern ganz groß auf die Fahne, Frauen verstärkt in den Arbeitsmarkt einbinden zu wollen. Weil er mit seiner Politik sicherstellen will, dass Japan 2050 noch mehr als 100 Millionen Einwohner und hinreichend Arbeitskräfte hat. Keine leichte Aufgabe, wenn seine Wirtschaftsbosse Frauen konsequent zu Abtreibungen zwingen oder sie nach einer Heirat einfach mal kündigen. Aber auch die Frauen müssen lernen: sich vom gesellschaftlich konservativen Standard der Autoritätshörigkeit lösen und sich wehren. Es ist ja nicht so, als würde der arbeitenden Frau in der Schwangerschaft gesetzlich kein besonderer Schutz gewährt. Viele Frauen nehmen ihn aber nicht in Anspruch. Weil man in Japan immerhin nichts gegen seinen Chef sagt. Genau hier liegt der Kern für die zahlreichen sozialen Probleme dieses Landes, die mir bei mittelmäßig genauem Hinschauen wie Schuppen von den Augen fallen. Hoffen wir, dass Aktivisten wie Sayaka Osakabe, die nicht nur für Frauenrechte kämpft, sondern auch ein innovatives Konzept von Familie in Vereinbarung mit wirtschaftlicher Effizienz vertritt, die verkrustete japanische Gesellschaft Schritt für Schritt in die Moderne führen können.

5 thoughts on “マタハラ | Matahara

  1. Wow extrem spannendes und schockierendes Thema, mir war gar nicht klar, dass japanische Frauen so schwer haben, sobald ein doch eigentlich so freudiges Thema ansteht. Die Organisation bewirkt hoffentlich noch ganz viel.
    Liebe Grüße, Mona

  2. Mir war nicht bewusst das japanische Frauen so an ihr zu Hause gefesselt sind, sobald sie ein Kind gebären. Jedoch finde ich ein umdenken in unserer europäischen Gesellschaft auch nicht verkehrt. Denn hier werden Kinder häufig viel zu lange ( ganztags) in Kitas abgegeben, weil ein Gehalt nicht mehr ausreicht oder die Ansprüche sehr hoch geworden sind. Vielleicht trifft man sich irgendwo in der Mitte, damit unsere Gesellschaft gesund bleibt? Liebe Grüße

    1. Werden Kinder denn nur in die Kitas gegeben, weil das Gehalt eines Partners nicht reicht oder die Ansprüche an das Leben zu hoch geworden sind? Find ich ganz schön krass, diese Aussage. Ich weiß nicht wie’s dir geht, aber ich persönlich hab nach meinem Abi noch sieben Jahre und zigtausende Euro in meine akademische Ausbildung investiert. Und das soll ich alles an den Nagel hängen, damit ich ’n Kind bekommen kann? Für mich wäre nur Muttersein niemals erfüllend, ich möchte mich weiterhin verwirklichen und arbeiten, ich möchte die Bestätigung und das Selbstvertrauen, das mir Arbeit gibt, spüren. Ich will zwar auch Kinder, aber das ist es eben: „auch“, nicht „nur“.

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